Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Dr. Nerch: Aus dem Breslauer Gemeinde- und Gemeinde-Uereinsleden 95 vorigen Wahlen und hatten die Genugtuung, daß unsere Liste, die neben bewährten freisinnigen Männern auch verdiente rechtsstehende Mitglieder aufwies, wiederum glatt durchging. Nach den Wahlen aber wurden wir überrascht durch die Gründung eines neuen Vereins, der ein Gegengewicht gegen den unsrigen bilden sollte. Nach der Zusammensetzung seines Vorstandes, nach der Beschaffenheit der Mehrzahl seiner Mitglieder, nach den bald offenkundig gewordenen Tendenzen wurde er von uns bald als konservativer oder orthodoxer Verein eingeschätzt, während er sich selbst den unverfänglichen Titel beilegte: „Verein zur Förderung der Interessen der S^nagogen-Gemeinde Breslau." Nun, auch von diesem angeblich parteilosen Verein gilt das Sprichwort: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Der erste Schritt, mit dem er in die Geffentlichkeit trat, war der Ansturm gegen den Antrag des Gemeindevorstandes bei den Repräsentanten, den Wahlmodus bei den Repräsentantenwahlen nach der Richtung hin zu ändern, daß die Wahlen der Repräsentanten und die der Vertreter fortan gesondert vorgenommen werden sollten. Lin zweiter Angriff, der den neuen Verein als einen orthodoxen kennzeichnete, galt der Einführung des Harmoniums in der neuen Friedhofskapelle. Durch diese neue Einrichtung sollte denjenigen Mitgliedern unserer Gemeinde, die nicht in der Lage sind, die hohen Rosten für Thorgesänge bei Trauerfeierlichkeiten zu zahlen, die Möglichkeit gegeben werden, die Feier mit geringen Rosten würdig zu gestalten. Lin Zwang zur BeNutzung des Harmoniums war selbstverständlich ausgeschlossen. Gegen die einstimmige Annahme dieser Einrichtung durch die Repräsentanten wandte sich der neue Verein mit größter Energie. Es verstoße die Einführung des Harmoniums gegen die Satzungen unserer Religion und beschränke die religiöse Freiheit. Die Gemeindekörperschaften ließen sich durch den Ansturm nicht beirren, das Harmonium wurde eingeführt. Der Friede in der Gemeinde wurde dadurch nicht gestört. Die lebhafteste Tätigkeit entwickelte der neue Verein bei den Repräsentantenwahlen im Jahre $05. Sein Bestreben ging dahin, die Mehrzahl der liberalen Mitglieder des Repräsentanten-Rollegiums, die durch langjährige Wirksamkeit ihre Liebe zu unserer Religion und unserer Glaubensgemeinde bewiesen haben, aus dem vertretungskörxer der Gemeinde herauszudrängen und sie durch konservative Männer zu ersetzen. Diese Bemühungen scheiterten aber an dem gesunden Sinne der weit überwiegenden Mehrzahl unserer Wähler. Sie folgten auch dieses Mal unserer Fahne. Sie konnten nicht vergessen, daß die liberale Verwaltung es war, die unsere Gemeinde zu Ansehen in der deutschen Iudenheit geführt, ihre Wohlfahrtseinrichtungen zur höchsten Blüte gebracht, sich um alles verdient gemacht hat, was in unserer Gemeinde Großes und Edles geschaffen worden. Sie erinnerten sich aber auch dankbaren Sinnes, daß diese liberale Verwaltung sich stets den Grundsatz der Gerechtigkeit zur Richtschnur ihres Handelns dienen ließ. Unser Sieg war daher auch ein vollständiger; unsere Liste ging glatt durch. — Ueber die Tätigkeit unseres Vereins im letzten Triennium will ich nur noch kurz berichten. wir nahmen Stellung zu dem Schulgesetzentwurf, dessen ursprünglicher Entwurf bekanntlich geeignet war, uns schwere Wunden zu schlagen. Nach einem trefflichen, gründlichen Vortrage des Herrn Rabbiner Fabian in unserem Verein, der das ganze Gesetz kritisch beleuchtete, und nach gewich-