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Die Freistatt · 1914-06-30 · Heft 3 (30.6.1914) · p. 187

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 3 (30.6.1914)
Article
Herrmann Cohen's russische Reise
Date
1914-06-30
Page
187 (sequence 2)
Language
German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 187 Abstand zwischen dem Oeschcnke seiner westjüdischen Katheder-Rcbglositat und den religiösen Massen- und Volksaufgaben der grossen ostjüdischen Lebensgemeinschaft auch nicht einmal ahnt, — das ist bezeichnend naiv. Damit jedoch, dass er die Auffassung der Juden als einer entvolkten Gemeinschaft auch in Russland verbreiten wollte, hat er sielt erst ein entschiedenes Lachein verdient Wenn er in Deutschland fftr diese Auffassung eintritt, so kann man sich ja immer noch Uber den bösen Widerspruch zwischen ihr und seinem positiv-jüdischen Enthusiasmus Ärgern, aber man mnss zugeben: er hat da wenigstens Anhaltspunkte In seiner eigenen und der Ihn Umgebenden Begriffs- und Lebeusvcrwirrung (Über die einmal gründlich wird geschrieben werden müssen). Allein in Russland I , ♦ Das Ist Ja rein, um mit der Vorsehung zu hadern, dass sie oft auch die grössten Geister in Bezug auf irgend eine Frage ein ganzes Leben lang mit einem notdürftigen Gliche herumlaufen 13sst m, a. Die fünfte „Jugendkonferenz*4 In den Pfingsttngen fand in Lemberg die fünfte Konferenz der Organisation der jüdischen jugendlichen Arbeiter statt Eine eigenartige Tagung Junge, der Kindheit kaum entwachsene Menschen, die In aller parlamentarischen Form, ernst und würdig über schwierige organisatorlche, pädagogische und gesellschaftliche Probleme verhandeln! Und doch ist diese Tagung wie die ganze von ihr repräsentierte Bewegung ein lebendiges Stück ostjüdisch-kapitalistischer Wirklichkeit Im Ostjudentum, wie überall, hat der Kapitalismus das FamilienldyH zersetzt, die Einheit und Ganzheit der Familie untergraben. Auch die jüdische Arbeiterfrau wird nicht verschont, das weibliche Proletariat ist in stetem Wachsen begriffen. Und bald muss aucli das Kind tagaus tagein dem Profite frohnen. Der Kapitalismus raubt dem jüdischen Proletaricrkind seine Jugend, seine goldene Sorglosigkeit, seine Naivität Wer aber dem Geschlechte flucht, dass sich da herausnimmt, „Politik zu treiben statt zu lernen", hat die Verhältnisse der Zelt und das Wesen dieser Bewegung schlecht erfasst Das ist ja der Fluch dieses Zeitalters, dass es die Kinder aus der Sehlde, dem Kinderzimmer, dem Elternhause hinaus, in die Werkstube, in die Fabrik — in die „Politik" hineintreibt unddlckörper* liehen und geistigen Kräfte der Kinder jener Massen nicht zur Entwicklung kommen lässt Nicht die poale-zianistische Partei, von der diese Jugendbewegung ihren Ausgang nahm, und mit der dieselbe in engsten organisatorischen und ideellen Beziehungen steht, macht die Jungen zu .Politikern*, sondern das harte, grausame Leben* Einige Einzelheiten aus dem Rechenschaftsberichte mögen das Wesen und Wirken dieser Bewegung, die doch zu den interessantesten Erscheinungen des ostjüdisclien Lebens gehört, andeuten. Die Organisation zählt 21 Vereine in Galizien und in der Bukowina, 2 in Wien. Die Zahl der Mitglieder betragt etwa 1500. Von 737 Mitgliedern, die ihr Fach angegeben haben, sind 363 Handelspraktikanien, 31 Bureaupraecanten, 81 Schneider, 36 Metallarbeiter, 29 Schuhmacher, 20 Kürschner, der Rest verteilt sich auf: Bäcker, Zimmermaler, Kellner, Tischler, Fleischhauer, Friseure, Tapezierer, Buchbinder, Setzer usw. Von 918 Mitgliedern, deren Alter bekannt ist, wnren 405 unter 16 Jahren. Die Fragebogen wurden von 13 Organisationen beantwortet In allen diesen Organisationen wurden Kurse Im Jiddischen abgehalten, die 915 Schüler zählten, ferner 10 Kurse Im Polnischen (i 8& Schüler), 7 im Deutschen (97 Schüler),8 Im Rechnen (197 Schüler), 7 in Naturwissenschften, 6 in Sozialökonomie, 5 in jüdischer Geschichte, 1 tu Weltgeschichte und Geographie, 1 in jüdischer Literatur. In den genannten 13 Gruppen wurden im Laufe von 2 Jahren 458 Vortrüge, 429 Vorlesungen 376 Dissknssioien und 191 titerarische Abende abgehalten 10 Vereine hatten eigene Bibliotheken mit 3346 Büchern, (grösstenteils in jiddischer Sprache), ein Verein besitzt gemeinsam mit dem Poaie Zioil eine Bibliothek von 950 Büchern. In 8 Städten bestehen Fusabalimatin- Schäften mit 181 Mitgliedern, In drei Städten TurnabteÜuneen mit 102 Mit-

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