Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Aus der polono-hebraistischen Praxis
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Vom jüdischen Leben und Schaffen auf dieselbe, richtete seine grossen schwarzen Augen auf mich und sprach mit erhobener, sichererStimme: ,Ma?* (Was?) Im ersten Moment verstand Ich nicht, was das zu bedeuten habe; Ich trat noch näher an meinen Genossen heran, lehnte meine Hand an seine Schaufeh und indem ich mich zum kleinen Arbeiter hituinterbeugte, schaute ich ilmi in die Augen und wiederholte auf Jiddisch: „Was machst Du hier, Junge?" Der Junge erbebte, sein Gesicht errötete noch mehr, aus den Augen sprühte Zorn; er riss mir die Schaufel aus der Hand, wandte sich von mir weg und begann wieder zu praben, ohne auf mich auch nur noch einen Blick zu werfen. Ich stand verwundert da( und konnte nicht begreifen, womit ich den Jungen gereizt hatte, dass er mir so zfirnte. Plötzlich blftzte mir ein glücklicher Gedanke auf, ich geriet in solche Freude, dass ich fast zu springen begann „Ma, Ma assa b'ni?" (Was machst,Du, mein Sohn?) rief ich mit fröhlicher Stimme/ Natürlich war jetzt der Kleine wieder versöhnt und antwortete „sfolz und ernst*, er baue ein hebräisches Technikum Dieses kleine Zitat dürfte genügen, den Ocist zu charakterisieren, in dem der Polono-Hebraismus die Kinder des jüdischen Bürgertums zu erziehen sucht Ueber dem Haß zur jüdischen Voikskulfur vergessen diese „Pädagogenaller Logik, aller primitivsten psychologischen Wahrheit. Man bedenke: Der dreijährige Junge in Paliistina versteht nur hebräisch Wenn man ihn in einer anderen Sprache anspricht, macht er natürlich grosse Augen und sagt: ,Was?* Andels wird es aber, wenn man ihn Jiddisch anspricht Da crxtttet t der Junge, seine Augen sprühen Zorn, Emen Menschen, der etwa Französisch redet, beschaut er mit offenem Munde, einem .Jargon* Sprechenden bezeugt er demonstrativ seine Verachtung, dieser dreijährige Mustcrjude des krankhaften polono-hebraischeu Hirns. Denn dies ist Ja der Kern der Sache r Dieser Miuiatur-Jargonfresser soll den kleinen Muttersöhnchen in Galizlcn als leuchtendes Betspiel hinbestellt werden. Und wenn sie zwar nicht hebräisch reden, so gehts Ja auch mit Polnisch- Wenn sie nur die jiddische Sprache rechtzeitig verachten lernen, dann haben sie die besten Prädisposltionen, »gute Juden" zu werden. Was wunder, wenn solche „Pädagogen* auch den Streit um das Technikum in die Kinderzeitschrift hineinziehen, wenn sie sich nicht scheuen, die Mehrheit der Mitglieder des Hilfsvereins vor diesem Forum einfach als böswillige Leute (wörtlich I) hinzustellen? Und die Herren tun dann sehr entrüstet, wenn man ihnen Voifcsfremdheit und Verachtung der jiddischen Sprache und Kultur vorwirft* Was sagt wohl dazu Herr GlUcksohn aus Odessa? Herrrnann Cohen's russische Reise Professor Herrrnann Cohen hat eine Reise durch Russland gemacht und fn den verschiedensten Städten Vorträge über den Judaismus gehalten. Es ist nicht ganz klar, was ihn bewog, sich trolz seines hohen Alters den Fährlichkeiten einer solchen Tonrnfe auszusetzen. Die einen sagen: Das Verlangen, durch sein Erscheinen die russische Judcnheit zu trösten; die anderen: Der Wunsch, seine Auffassung von der jüdischen Religion zu verbreiten; die dritten: Die Lust, gegen den jüdischen Nationalismus aufzutreten, Ich glaube, es werden alle drei Beweggründe zusammengewirkt haben. Und ich meine: Dass es Herrmann Cohen trieb, in der Zeit der Not und Entrechtung an die Seite seiner Brüder zu treten, zeugt von enthusiastischem Wesen, das um so mehr anerkannt zu werden verdient, als es im Judentum des Westens schon recht sehen geworden ist, Dass er das Bedürfnis halte, der seit Jahrzehnten in Skeptizismus und hypcrmechanlslischem Materialismus gedrillten russisch-jüdischen Intelligenz seine Anschauungen über das Jrtlialilich-Jßdische vorzutragen, Ist ja begreiflich. Freilich,dass gerade er sich berufen fühlte, den Blinden das Licht zu bringen, dass er den ungeheuren