Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Die Internationale und jüdischer Nationalismus
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 183 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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_Vom jüdischen Leben und Schaffen 183 Vom jüdischen Leben und Schaffen Die Internationale und jüdischer Nationalismus Es gibt in Deutschland augenblicklich kaum eine Revue, die sich so ernsthaft wie die Sozialistischen Monatshefte mit Problemen des jüdischen Volkes vertraut zu machen sucht Letzthin hat in ihrem IL Heft Ludwig Qucssel Über die jüdische NeukoTonisatlon Palästinas ausführlich referiert» Im engen Anschluss an Curt Nawratzkls Buch, das sich ja sehr widersprechende Beurteilungen erfuhr, eine meist anerkennende Adolf Böhms, dagegen von einem so erfahrenen Palästtnakenncr wie ß, Rubstein fast im Ganzen abgelehnt wurde (S> „die Freistatt" 19i3 S. 601—603) Es ist also kein Anlass, weiter auf den sachlichen Inhalt der Quesseischcn Arbeit einzugehen; Einwand wie Zustimmung hatten sich ja lediglich mit seinen grösstenteils zionistischen Gewährsmännern auseinanderzusetzen und trafen den Referenten kaum Es soll auch darüber nicht Klage geführt werden, dass Quassel offenbar die Pudiikatioucn der jüdischen Arbeiterpresse, und weilere nkhtzionistische, für eine umfassende Urteilsbildung schwerlich zu übergehende Quellen (Ich erinnere an die Aufsehen und — Totschweigen erregenden Untersuchungen L Lewins In der Freistatt, und an Rosenbcrgs Aufsatz in der „Welt") wenig, die Ideologien der Übrigen nationalen Bewegungen oder gar die gesamtjüdische Situation nur oberflächlich kennt, sieb demnach durchaus von dem Zufall abhängig macht, der Ihm die jüdischen Angelegenheiten fast ausschliesslich in der zionistischen Interpretation näherbrachte. Bedenkt mau ntfmlleh, dass diesen Misshelligkeiteu sich heute selbst der jüdische Forscher kaum entziehen kann, so wird man Qucssels Arbeit als die bedeutsame Leistung eines Nichfjuden ansehen und seiner aufrechten und vornehmen Gesinnung dankbare Anerkennung nicht vorenthalten. Im Gegenteil, könnte mau sich in einemvopportunistischen Sinne dessen freuen, dass ihm das jüdische Problem in seiner dem ersten Blick so natürlich und notwendig scheinenden Zuspitzung auf die Palästinafrageentgegentrat, und dergestalt seine stark auf handgreifliche Dinge reagierende Geistigkeit zur Untersuchung reizte. Scheint es doch, als gewännen die meisten Nicht* und Nichtmehrjuden diesem Komplex von Fragen nur dann Interesse ab, wenn es sie nicht mit der ganzen Schwere seiner Problematik überschüttet, sondern sich Ihnen von seiner äusserlichstcn,unkomplizicrteslcn Seite darbietet, für die sie, Kinder einer sehr praktischen Zeit, von vorneherein Verständnis und Sympathien haben* Mögen sie also auf Irrwegen sich Ihnen nähern, schon viel, dass sie Überhaupt an die Probleme herangehen; wenigstens ist dann Hoffnung, dass sie nicht ewig dort verbleiben und sich einmal tiefer hineinwagen. So wenig aber wie um sein Inhaltliches halte icii demzuüebe den Aufsatz für bedeutungsvoll. Sondern ich unterstreiche als weit erheblicher die Tatsache, dass ein bekannter nichtjüdischer Sozialdemokrat, Probleme des Jüdischen Nationalismus auseinandersetzend, diesen Nationalismus nicht nur als seiend, sondern als notwendig und sein sollend legitimierte Es verschlägt wenig, dass dabei Quesscl typischen zionistischen Denkfehlern nicht entging, und auch er Nationalismus in der Verengerung zum Zionismus erblickt, Denn nur ein minder hochstehender Denker als er könnte eine grosse Idee auf die Dauer au eines ihrer Zwcckgebilde binden und das innere Ethos des jüdischen Nationalismus von der Realisierbarkeit des Zionismus abhängig machen. Vor 20 Jahren wäre dies möglich gewesen, und damals hätten sich die vielen jüdischen Intellektuellen in der Sozialdemokratie der Verpflichtung zur erneuten ernsthafteren Ausunandcrsetznng mit ihrem Jüdischen entziehen können, mühelos und ohne Vorwürfe gegen sich zu erregen. Heute aber, da man auch in der Sozialdemokratie die rationalistische