Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 3 (30.6.1914)
- Article
- Winter
- Date
- 1914-06-30
- Page
- 179 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Verse 170 Verse Isaac Schreyer: Winter Das stille Leuchten von den blassen Dächern Liegt wie ein irrer Stern auf allen Gassen, Die, bleich, wie Folianten in den Fächern, Einschrumpfen von der wachen Hand verlassen. Und irgendwo auf wettergrauen Mauern Sucht stumm ein Tropfen sich ein licht Gelände Und sinnt und spinnt und fällt zurück wie Hände, Die Unfaßbares greifen und erschauern. Die Wege schwinden, und die Abendstunden Hauchen das Leuchten hin in Rätselfernen. Der Tag hängt stumm und nagt an seinen Wunden, Und Sehnsucht trägt ihn fort bis zu den Sternen. Rausch der Mitternacht Schuttein Rausch und Qual die zerknüllten Gesichter. In den Gläsern welkt der Wein vor Rauch und Dunst. Da erwachen jählings die trunkenen Augen, Klimmen, wie seltsame Lichter, Empor aus den dunklen Höhlen und saugen An jedem Ding mit roter Brunst Und mit brennendem Blick. — Knistert mit sprühendem Schlag Der Funken: Mitternacht. Die Gesichter erglänzen in hehrer Pracht. — Da wächst auf den Wangen ein weicher Glanz Und glättet die Falten, In allen Gliedern funkelt der Tanz Ueberirdischer Gewalten, Hände und Füße, wie losgelöst Aus des Körpers Haft, Klappern wie ein dürrer Schaft.