Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- [Ohne Titel] / Strauß, Ludwig
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 95 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
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Ueber Birnbaum 95 Heute noch, nachdem es mir vergönnt war, die Werke und die Person Dr. Birnbaums kennen zu lernen, ist diese Erinnerung das lebendigste und präziseste Bild, das mir von ihm geblieben ist. Sie vor allen anderen löst mir das Rätsel seiner Größe, Denn rätselhaft scheint die Größe, die in jeder seiner Aeußerungen irgendwie lebt. Er ist, meine ich, kein großer Politiker, seine entscheidende Tat ist noch ausgeblieben; kein gror ßer Denker, er scheut nicht das Allzuselbstverständliche noch brauchbare Trugschlüsse; kein großer Schriftsteller, sein Ausdruck ist oft trübe und banal. In allen drei Eigenschaften, die in seiner Arbeit unlöslich verflochten sind, hat er nie sich voll ausgedrückt, nie ganz Konzentriertes, Geklärtes, Zwingendes gegeben. Wohl vielfache Anregungen, die den Dank und Respekt unseres Volkes für ihn fordern. Seine Größe liegt anderswo. Sie liegt nicht in seiner Leistung, sondern in seiner Existenz. Und nicht in dem Persönlichen, Singulären dieser Existenz, sondern ganz und ausschließlich in dem Typischen, das sie auf großartige Weise verwirklicht Birnbaum ist groß, weil er Jude ist Weil er diesem Ewigen und Ueberpersönlichen, der jüdischen Seele, mit einer unvergleichlichen Kraft und Sicherheit angeschlossen ist. Es drängt mich nicht, ihn seines Verdienstes wegen zu loben, wie man andere Große lobt: ihres Ringens wegen, ihrer Tat wegen, ihres Wortes wegen. Aber das Ziel seines Ringens, das Motiv seiner Tat, der Gegenstand seines Wortes, das Judentum, hat in ihm eine so mächtige Existenz, daß er von ihr zeugen muß, was er auch tut. Daher sind seinei Aeußerungen weniger als Ausdruck seiner Meinungen, denn als Symptom dieser Existenz wichtig und als Symptom oft von einer überraschenden Allgemeingültigkeit Daher das Ergreifende, Befreierde, Klärende auch in Ausführungen, deren Tendenz man ablehnt, deren Erkenntnisgehalt leicht als falsch zu erweisen ist Daher der große, prophetisch ruhige Blick seines Auges über vergangene und künftige Jahrhunderte, gleichviel, ob die Wirklichkeit seines Bildes mit der historischen Wirklichkeit ubereinstimmt oder ihr widerspricht, * JOSEF WEISSMANN Auch Mathias Acher hat ein Jubiläum seiner Arbeit erlebt. Eine Persönlichkeit, die niemals im eigentlichen Sinne des Wortes populär war, vor der aber jeder instinktiv, ohne sie auch nur begreifen zu können, Achtung empfindet, ist Dn Birnbaum kaum das geeignete Objekt für Jubiläen. Sein Leben und