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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 85

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
[Ohne Titel] / Mayer, Max
Date
1914-05-28
Page
85 (sequence 2)
Language
German
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Ueber Birnbaum 85 Universellste der jüdischen Renaissance. Nur leidenschaftlicher Kampf konnte ihm den Ruf der Zionsfeindlichkeit einbringen. Eine in der Seele des Volkes wurzelnde Palästinabewegung kann Acher nicht zum Gegner haben, * CHAIM NAGLER Als ich Mathias Acher zum erstenmal sah, war ich 15 Jahre alt Acher sprach vor einer großen Versammlung über „Ost- und West-Judentum". Ich war noch nie über die Grenzpfähle meiner Vaterstadt hinausgekommen, und das Westjudentum war mir Hekuba. Oder doch nicht Ich las damals sehr fleißig „Achad Haam" und steckte noch mitten in dem längst abgetanen und erledigten Kampf Achad Haam contra Nordau. Ich wußte auch, daß meir. Vater, wenn er nach Wien kommt, ein „Polischer" ist, und selbst von unseren „Landsleuten"', die dort leben und schon lange „ganze Wiener" sind, besonders aber von ihren Kindern wegen seiner Tracht und Sprache ausgelacht, verspottet und wie ein „ganz ungebildeter" Mensch betrachtet wird. Und da stand ein Mann auf dem Podium, ein wirklicher, ein echter Wiener, und verkündete mit flammender, ansteckender Begeisterung: „Und ich sage euch, ihr seid an Kultur viel reicher und steht himmelhoch über dieser ganzen weißkragigen Gesellschaft!" Die Worte sind mir noch ganz genau in Erinnerung. Und wie er das sagte! Ich weiß nicht, wie ich heute in gleichem Falle reagieren würde — damals erschien er mir wie ein Prophet,, nein, wie ein Heerführer, der seine Leute zum Kampfe aufruft und ihnen die begeisternde Kriegslosung zuruft. Dieser Eindruck war ein bleibender. So oft ich an Mathias Acher denke, wird er in mir lebendig. Ich gehörte nie zu der sogenannten Birnbaum-Gemeinde. (Gibt es überhaupt eine solche?) Der Traum meines Volkes von der Dreieinheit: Volk, Sprache und Land ist auch mein Traum, und seine Sehnsucht nach der Erfüllung ist auch die meine. Und wenn ich auch die Sprache meiner Mutter, jiddisch, eben wie meine Muttersprache ljebe und mir der Größe ihrer nationalkulturellen und nationalpolitischen Bedeutung bewußt bin, so bin ich doch — Sie verzeihen — ein „Ziohebraist", Und doch, oder eben deshalb, sehe ich zu Mathias Acher heute genau so wie einst als Fünfzehnjähriger empor, und wenn er zu mir von dem „Flügelschlag des Sturmvogels Gottes, Israel," spricht, dann glaube ich, ihn deutlich zu vernehmen , . ♦

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