Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 2 (28.5.1914)
- Article
- [Ohne Titel] / Juris, A. S.
- Date
- 1914-05-28
- Page
- 83 (sequence 2)
- Language
- German
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83 Nun kann ein Wunder geschehen. Nach langen Irrfahrten wird man sich von der Wahrheit seiner Idee überzeugen. Da werden die Führer und Priester des Volkes kommen, seine Idee aufnehmen und als die ihrige reklamieren. Die Idee siegt* der Prophet aber wird ans Kreuz geschlagen. * $. LÜBLINSKI . . Birnbaum-Acher ist nicht nur ein Politiker und auch nicht nur ein Sozialmensch. In ihm lebt auch ein Künstler, den eine starke Sehnsucht nach einer modernen Zukunftskultur beseelt. Diese Sehnsucht bestimmt sein geheimstes Tun und Lassen, sein Unbewußtes, wenn man so sagen darf.' Er hat von einer Modern- und von einer Neurenaissance läuten gehört, und man kann wohl auch als sein ungeschriebenes Programm jenes „Hinauf zur Natur" bezeichnen, das Nietzsche dem Rousseauschen „Zurück zur Natur" entgegenstellte. Die höchste Intelligenz, Wissenschaft und Vernunft, umgesetzt in hochverfeinertei Triebe und Naturkraft — dieses Renaissance-Ideal eines Nietzsche und Dehmel ist in seinem besonderen Kreis auch immer der Leitstern von Mathias Acher gewesen. In seiner bedeutungsvollen kleinen Programmschrift „Die jüdische Moderne" hat er dieses Endziel als die kühne Wissenschaftlichkeit und veredeitel Genußfähigkeit des modernen Europäers bezeichnet. Diese Formulierung erscheint wohl etwas zu begrenzt, deutet aber in jedem Fall ganz entschieden in die Richtung jenes Ideals. Birnbaum möchte nach seinen Kräften an der bevorstehenden Renaissance mitarbeiten, er möchte ein Kulturschöpfer sein.. Das kann aber ein Mann nur dann, wenn er selbst lange in einer Kulturiradition gestanden und diese Tradition in sich verarbeitet und überwunden hat. Hier setzt die intimste Lebenstragödiei Achers ein: er kam nicht aus einer Tradition, die es der Mühe ■verlohnte, innerlich überwunden zu werden. Als er Jene kleinbürgerlich-jüdische Romantik seiner Anfänge einfach weggeschleudert hatte, da konnte er sich wohl an der unmittelbaren modernen Literatur, an Ibsen, Strindberg und Hauptmann, mit feinem Verständnis orientieren, aber dort nicht Wurzeln schlagen. Ebenso scheint ihm die deutsche Literatur niemals eigentlich die Seele bezwungen zu haben: er wurzelt weder in Goethe, noch in Kleist oder Hebbel. Aber einen Boden finden mußte er, um von dort aus kulturschöpferisch im Sinne seines Ideals zu wirken. So wurde die „jüdische Moderne" oder die „jüdische