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Die Freistatt · 1914-05-28 · Heft 2 (28.5.1914) · p. 66

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 2 (28.5.1914)
Article
An die nationalen Juden!
Date
1914-05-28
Page
66 (sequence 2)
Language
German
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66 Dr. Nathan Birnbaum, Jüdisches Wesen usw. Birnbaums fünfzigster Geburtstag ist vorübergegangen, und die Schmach haftet noch immer an unsrer nationalen Ehre. Selbst unsere nationalen Offiziellen hatten dafür kein Empfinden. Diei ihn ehrten, und auch die in diesen Blättern zu seinen Ehrerf schreiben — vieile Zionisten sind unter ihnen; das sei freudig anerkannt — haben kein Mandat; es sind einzelne. An diese noch wenigen, die der Vortrupp der Nation sind, ergeht die Mahnung, vorzusorgen mit unbeugsamer Kraft, daß die Idee von der nationalen Einheit außerhalb der Parteiprogramme im Leben Wurzel faßt. Der Tag, an dem Birnbaum in das Alter einziehen wird, darf nicht noch einmal unsere Schwache so unerträglich nüchtern und gewöhnlich hervorkehren; er muß die Nation bedeutender, mehr gerecht und in stolzerer Haltung sehen, gewillt, das Odium vom 10. Ijar 1914 zu sühnen. Dieses muß erkämpft werden. F. M. Kaufmann Jüdisches Wesen und jüdisches Leben Von Dr. Nathan Birnbaum Sie wünschen, daß ich Ihre Leser über den Komplex meiner Anschauungen orientiere. Ich will es versuchen, Ihren Wunsch so weit zu erfüllen, als dies in wenigen gedrängten Worten möglich ist: Ich leugne nicht, daß sich in der Lage der Juden ein Element der „Unnormaltät" findet, aber ich halte es für die Wirkung einer „Unnormalität" des jüdischen Wesens. Ich sehe diese „Unnormalität" des jüdischen Wesens darin, daß es zwischen die Sinne und die Welt ein aus dem Uebersinnlichen genommenes Betrachtungsprisma einschiebt. Daher die Empfänglichkeit für das Große und die mangelnde Empfänglichkeit für das Kleine, daher die apriorische sittliche Forderungl und die gedankliche Abstraktion, daher die Hingabe an das allgegenwärtige Uebersinnliche, an Gott, und der mangelnde Wille zur Macht. Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes stellt eine wachsende Vollendung dieses seines „unnormalen" geistlichen

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