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Die Freistatt · 1914-04-30 · Heft 1 (30.4.1914) · p. 55

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 1 (30.4.1914)
Article
[Rezension]
Date
1914-04-30
Page
55 (sequence 1)
Language
German
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Bücherbesprechungen 55 Bücherbesprechungen Anschauung und Betriff* Grundsätze eines Systems der Begriffsbildung von Dr. M Brod u. Dr. F, Weitsche 246 Seiten. Erschienen bei Kurt Wolff in Leipzig. Das im Verlage von Kurt Wolff in 1 npzig erschienene Buch von M. Brod und F. Weltsch, betitelt „Anschauung 4m<! Begriff", stellt einen Versuch dar, ihr itu Wesen des Begriffs enthaltenen 1< um sehen Schwierigkeiten auf rein psychologischem Wege zu lösen. Es sind sli' s die Schwierigkeiten, auf die zuerst (In englische Philosoph Berkeley mit il-i gehörigen Energie und Präzision hingewiesen hat, indem er, der Erste, in:! die unvorstellbare Natur desjenigen psychologischen Gebildes, das wir im ^•wohnlichen Leben als Begriff bezeichiiiii, die Aufmerksamkeit der Denkenden lenkte. Bekannt ist sein Beispiel mit drm Dreieck: soll ich den Begriff Dreiim k bilden, so muß ich es zugleich als in-ht-, stumpf- und spitzwinklig denken, d,i clet Begriff Dreieck meiner eigenen Voraussetzung gemäß, sich gleicherweise auf alle möglichen Dreiecke erst i eckt, sowohl auf solche, die recht-, wie auf solche, die stumpf- oder spitzwi n klig sind. Während aber diesermaßen der Begriff Dreieck de jure eine unendliche Mannigfaltigkeit von geome- Inschen Figuren in sich befaßt, kann dn selbe Begriff Dreieck de fakto nur eine einzige Figur darstellen, näm- Ih h diejenige Figur, die ich momentan Im Auge habe, ein Dreieck also vbn jj.inz bestimmter Form, mit Winkeln und Seiten von ganz bestimmter Größe, keineswegs also ein Dreieck, das ebenso recht-, wie stumpf- und spitzwinklig, wundern ein solches, das in diesem gef,M henen Moment nur recht-, oder spitzimI<t stumpfwinklig ist. Und so verliMt. es sich mit jedem anderen Begriff itiu'h Jeder Begriff tritt an mein Denken nnl dieser in Wirklichkeit unerfüllbaren l'nidcrung heran. Jeder Begriff stellt hfiiiem Wesen nach eine m eindeutige l luhestimmtheit dar, während jede einzelne vollziehbare Vorstellung e i n - de utig bestimmt werden muß. Diesen Gegensatz nun zwischen der iihstrakten Unbestimmtheit des allgemeinen Begriffs und der konkreten Bestimmtheit der einzelnen Vorstellung und Wahrnehmung, sucht das oben* genannte Werk zu beseitigen, indem es einerseits den Nachweis liefert, daß die einzelne Vorstellung und Wahrnehmung diese Bestimmtheit keineswegs besitzt, und andererseits hervorhebt, daß es überhaupt keine scharfe Grenze zwischen Bestimmtheitund Unbestimmtheit gibt, sondern nur allmähliche und stufenweise Übergänge von einer stärkeren zu einer schwächeren Bestimmtheit Der Fehler Berkeleys und aller derjenigen, die seinen Ideen huldigen, bestehe darin, daß sie ein Begriffliches im Gegensatze zu einem Vorsteil- und Wahrnehmbaren im vornherein annehmen, woraus sich allerdings das Widerspruchsvolle der begrifflichen Vorstellung ergeben muß, während in der konkreten Wirklichkeit schon die einzelne Vorstellung und Wahrnehmung an sich, je nach der geringeren oder größeren Deutlichkeit ihres Auftretens weniger oder mehr bestimmt, und folglich mehr oder weniger Begriff ist, oder richtiger ausgedrückt, der Begriff bezeichnet kein besonderes psychisches Gebilde neben der anschaulich-konkreten Vorstellung oder Wahrnehmung, sondern nur einen gewissen Grad von Schärfe und Deutlichheit, mit der die betreffende Vorstellung oder Wahrnehnehmung auftritt. Diese Fähigkeit der Wahrnehmung, mehr oder weniger deutlich aufzutreten, nennt der Verfasser Verschwommenheit „Verschwommenheit ist (mithin) jene graduell abgestufte Eigenschaft einer Vorstellung, deren Steigerung einer durch angespannte Tätigkeit des Organs entstehenden Steigerung entspricht" (S« 46). Es ist also die Verschwommenheit eine in objektiven Verhältnissen begründete Eigenschaft einer Vorstellung, die auf der •Seite des vorstellenden und wahrnehmenden Sabjekfs, einer mangelhaften oder gesteigerten Organausnutzung entsprechen kann. Verschwommene Partieeu eines Vorstellungsganzen sind eigentlich unbewußt, oder richtiger, uneigentlich bewußt, d. h. sie können als solche direkterweise garnicht kon-

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