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Die Freistatt · 1914-02-20 · Heft 11 (20.2.1914) · p. Seite 670

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 11 (20.2.1914)
Article
Polono-Hebraismus
Date
1914-02-20
Page
Seite 670 (sequence 2)
Language
German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 669 haben. Deswegen werden unsere Forderungen auch von der Außenwelt nicht beachtet, deswegen legt die Regierung auch gar kein Gewicht auf unsere Postulate, da sie doch weiß, daß wir dieselben nicht ernst nehmen, sondern nur zu Demonstrationszwecken aufstellen» Die polnische Presse ist sehr gut über das Verhalten der zionistischen Intelligenz der jiddischen Sprache gegeuüber informiert und weiß den realen Wert solcher Forderungen richtig einzuschätzen.* So denkt einer der wenigen noch klar blickenden Bürger über die eigene Partei. In Wirklichkeit haben es die ga- Hzischen Zionisten in ihrer Stellung zur jiddischen Sprache zu einer geradezu chamäleonartigen Wandelbarkeit gebracht. Man weiß niemals recht, woran man mit diesen Leuten ist, und jeder nächste Schritt kann das gerade Gegenteil des unmittelbar vorangegangenen sein. Ich habe im Angustheft dieser Zeitschrift erzählt, wie sie Ende 1910 und Anfang 1911 für die Anerkennung der jiddischen Sprache gekämpft, einige Monate später sie auf dem „Hebräertag* in Lemberg in Acht und Bann gelegt, beim X, Zionistenkongreß sie totgeschwiegen haben. Seitdem sind sie auf dieser Bahn der Kopf- und Konsequenzlosigkeit weitergewandelt. Gegen Artikel ä la Pasmanik fanden sie kein Wort des Protestes, dagegen taten sie sehr entrüstet, als ein galizischer Gymnasialdirektor den Schülern das Jiddischsprechen verbot, und haben auch sonst gelegentlich dem armen Jiddisch — Komplimente gemacht Jüngst haben sie ihrem Werke die Krone aufgesetzt. Anfang November fand in Lemberg die Landeskonferenz der galizischen Zionisten statt. Auch die Erziehungsfrage stand auf der Tagesordnung, Der Referent der Palästina- und Kulturfrage klagte in einer Artikelserie über die geringe Kenntnis des Hebräischen in der zionistischen Intelligenz, aber auch für Jiddisch fand er einen Seufzer. Allerdings verhalle dieser recht bald, denn schon in den nächsten Zeilen empfahl Dr Zipper als das einzige Rezept für die jüdische Kulturkrankheit die Gründung von hebräisch-polnischen Kindergärten, denen dann ebensolche Volks- und Mittelschulen folgen sollen. Von solchen Schulen, aus denen also die jiddische Sprache vollständig verbannt sein soll, erhofft Dr. Zipper die Erziehung eines Geschlechtes von „wirklichen Volljuden mit wirklicher Jüdischkeit." Diese Vorschläge wurden dann von der Konferenz ohne Debatte und einstimmig an* genommen. Wirklich, o.me Debatte. Und ohne Widerspruch. Genau so, wie etwa die Vertrauenskundgebung für das engere Aktionskomite. Man muß schon sagen, so unverantwortlich und frivol ist selten ein ernstes Problem von einer Partei behandelt worden Daß den Leuten nicht die Schamröte ins Gesicht gestiegen ist, daß sie nicht den Groll der jüdischen Massen gefürchtet haben, die sie bei der Volkszählung so schnöde hintergangen haben 1 Doch nein! Der Fall ist nicht so einfach! Da liegt geistige Gruppenabnormalität vor, Impotenz des Denken und der Orientierung. Die Herren erfüllen nur ihr ureigenstes Wesen, das Wesen einer entwurzelten, volksfremden, kraft- und saftlosen Intelligenz, mit der die Geschichte das unglückliche galizische Judentum heimgesucht hat. Man sollte die Leute bedauern, weil ihnen der Sinn abgeht für das Begreifen geschichtlichen Werdens, für die Erfassung großer Lebensprobleme, weil sie dazu verdammt sind, daß der gleichgültigste Hahnenschrei in ihrem krankhaften Ohr wie Weltendonnern erdröhnt, daß ihr belangloses Tun ihnen durch das Prisma ihrerWeltfremdheit als großes Weltgeschehen erscheint, daß sie aber für wirklich große Probleme blind und taub sind, daß sie Existenzfragen der Nation in kälberner Begeisterung debatte- und verständnislos erledigen. Diese Kranken sollten mit Schonung behandelt werden. Sie sind ein Volksunglück — aber welcher Kranke ist ein Glück für die Mitmenschen? Da& sie die Massen ansteckten, ist weniger subjektive Schuld, als historische Erbsünde. Alles Belehren nutzt da nichts. Da gibt es nur ein Mittel, das altjüdische: „Michyc lamachne". — Die Intelligenz-Seuche mnß von den Massen isoliert werden. B. Locker.

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