Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Vom sterbenden Jiddisch
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 667 (sequence 2)
- Language
- German
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666 Vom jüdischen Leben und Schaffen ligion im Sinne der Tradition — mit diesem Programm vorderhand zufriedengeben. Denn wenn auch die letzte Jahreskonferenz der russischen Zionisten beschlossen hat, daß man darauf hinarbeiten müsse, die jüdische Schule in Rußland zu hebraisieren, so ist doch die Realiesierung dieses Zieles, so schön es auch ist, sehr zweifelhaft. Eine hebräische Normalschule in der Diaspora zu schaffen, ist doch eine Sache, an deren Gelingen auch überzeugte Hebraisten zweifeln mögen* Und aus diesem Grunde kann man nicht von der „Chewrath mefizeh haskalah" fordern, daß sie dieses Experiment wage. Dies zu tun, ist Sache der Zionisten in Rußland. Aber was gefordert werden muß, ist das, daß die zu gründenden Volksschulen der Gesellschaft unbedingt auf dem Boden der Tradition stehen; hebräisch allein genügt nicht zur Erziehung des Volkes im echtjüdischen Sinne." Die Stelle ist, wie man sieht, in mehr als einer Richtung interessant. Etwas amüsant und naiv mutet nur der den Zionisten gegebene Rat an, daß sie ihrerseits das „Experiment wagen", daß sie „eine hebräische Normalschule in der Diaspora schaffen", also eine Sache machen sollen, „an deren Gelingen auch überzeugte Hebraisten zweifeln mögen*, Panta, Die jüdischeSchule in Amerika. Eines der wichtigsten und schwierigsten Probleme der amerikanischen Judenheit bildet die Erziehungsfrage, die hier in viel höherem Grade als in Europa das Problem ,Väter und Söhne* verkörpert Die Schulfrage bildet den Gegenstand einer mit begeisterterWärme geschriebenen Broschüre, Ch Liberman's „Dfis problem fyn der jidesher erci:yng\ Der Verfasser zeigt, wie die paar Stunden des amerikanischen Chejders und der Talmud-Thora, in denen man nur notdürftig Hebräisch lesen und eine Barmicwe-Rede lernt, die Kinder dem entnationalisierenden Einflüsse der englischen Schule nicht entziehen können. In der public school werde freilich kein christlicher Religionsunterricht erteilt, aber die ganze Atmosphäre sei eine christliche. Alles, was gelehrt werde, was namentlich bei Literatur und Geschichte wichtig ist, würde in christlichem und damit — weil uns die Christ* liehe Welt hasse — in antijüdischem Sinne gelehrt. Das jüdische Kind höre nur von den Helden der christlichen Sage und Legende, der christlichen Religion, der christlichen Geschichte. In wunderbarem Lichte werde ihm z, B. die Zeit der Kreuzzüge dargestellt. Es lerne sie nicht kennen als jene fürchterliche Epoche in der jüdischen Geschichte, die wohl eine unserer Heldenzeiten war, aber wahrlich alles weniger als ein Ehrenmal für die anderen Völker darstelle. Doch garnichts erfahre unser Kind von unseren Helden, Helden jüdischer Art, von unserer Größe, Größe jüdischer Art, von unserer Wahrheit, der Wahrheit. Und wenn ihm gezeigt werde, wie das Judentum in der Entwicklung der heutigen Kultur, neben dem Griechen- und Germanentum, nur als die Mutter des Christentums von Bedeutung sei, so müsse es schließen, daß sein Volk seine Rolle ausgespielt habe. Gegen diesen christianisierenden Einfluß der englischen Schule müßten wir kämpfen, wenn wir wollten, daß unsere Kinder unser Leben fortsetzen. Das beste Mittel hierzu seien eigene Schulen, in eigener Sprache. Die jiddische Sprache ist das sicherste Bollwerk im Lebenskampf, ihr Untergang wäre der dritte und letzte Fall des jüdischen Volkes In diesen Schulen müßte außer Jüdisch auch noch Hebräisch, das Vermächtnis unserer Geschichte, gelernt werden. — Das sind die Gedanken, auf deren Grundlage die „Jüdisch - sozialistische Arbeiterpartei Poale-Zion* und der „Jüdisch-nationale Arbeiterverband Amerikas" vor drei Jahren gemeinsam die New-Yorker nationalradikale Schule als Sabbat- und Sonntagsschule gründeten. Herr Lieber* mann schildert die Liebe der Lehrer und der Schüler zu dieser Anstalt, in der Jiddisch, jüdischer Volksgesang, Hebräisch und jüdische Geschichte unterrichtet werden, und stellt fest, daß die jüdische Schule Siegerin geblieben ist in dem Kampfe zwischen ihr und der public school, zwischen Jiddisch und Englisch*