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Die Freistatt · 1914-02-20 · Heft 11 (20.2.1914) · p. Seite 666

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 11 (20.2.1914)
Article
Beilis, das Opfer der Galizier
Date
1914-02-20
Page
Seite 666 (sequence 2)
Language
German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 665 Ja, aber an den erwähnten feierlichen Empfängen in den galizischen Bahnhöfen haben doch auch die Zionisten in ganz hervorragendem Maße teilgenommen. Und auf dem Lemberger Bahnhof war es sogar Herr Adolf Stand, das Haupt der galizisch-zionistischen Partei, Mitglied des weiteren Aktionskomitees und gewesener zionistischer Reichsratsabgeordeter, der die Ansprache an Mendel Beilis hielt. Da liegt docli die Frage nahe, warum denn nicht auch diese Zionisten den „bedauernswerten Mann* schonen zu müssen glaubten, warum die Schonungserkenntnis den Zionisten erst in Wien aufgegangen ist? Just in Wien, das durch ein Kompromiß zwei zionistische Räte in der jüdischen Kulturstube sitzen hatte? Sollten diese das »Noblesse oblige* so kräftig empfunden haben? Das wäre ja kostbar genug, im übrigen aber mit einem bißchen nachsichtigen Humor noch zu ertragen. Wenn nur nicht auch noch diese unverzeihliche Preisgabe der galizischen Juden, einschließlich der Gesinnungsgenossen, hinzukäme! Darüber kann wirklich nur noch eine letzte Erwägung hinweghelfen: Daß diese Leute vielleicht doch viel ehrlicher sh.d, als sie auf den ersten Blick aussehen; daß sie vielleicht auch ohne den gemeindepolitischen Anreiz und selbst wenn sie von Partei wegen in entgegengesetztem Sinne hätten Stellung nehmen müssen, dem Verhalten der galizischen Ostjuden fremd und über die Empfindungen der russischen Ostjuden Beilis unorientiert geblieben wären; daß sie als papierene Gesinnungsjuden nichts davon wissen können, wieviel lebendigen jüdischen Enthusiasmus jene vollblütigen Wesensjuden einander geben und von einander empfangen können, ohne zu ermüden. Nachbemerkung, Unmittelbar vor Schluß des Blattes lese ich in den Blättern die Berichte über den Empfang, den Mendel Beilis bei seiner Ankunft in Jaffa fand und der in nichts dem galizischen Empfange nachstand, ja ihn sogar übet traf. (Außer den Ansprachen gab es noch Schülerchöre usw.) Und das unmittelbar nach den Mühen einer Seereise: Wieder ein für Zionisten sicherlich kräftiger Beweis, wie schlecht beraten diejenigen waren, die mit der oben angeführten Notiz die Wiener Methode gegen Beilis und gegen die galizischen Juden zionistisch legitimieren wollten, nb. Vom sterbenden Jiddisch« Der Meister der jiddischen Rede, Herr Dn Schmarjahu Lewin, erachtet es neuestens als seine Aufgabe, im Namen des Hebraismus die jüdische Sprache zum Tode zu verurteilen. Er scheint wirklich zu glauben, daß es ihm gelingen werde, den stillen, ganz und gar undemonstrativen Siegeszug des Jiddischen hinwegzupredigen. Ja, hat er denn vergessen, daß just eben die große Festtagung der „Mefizej haskolo* in St. Petersburg stattfand und daß dort eine Massenkundgebung der nationaljüdischen Intelligenz für die Einführung der jüdischen Unterrichtssprache in die Schulen der Gesellschaft erfolgte? Oder gibt er sich etwa über den Sinn dieser Kundgebung irgendwelchen Täuschungen hin? Nun, dann sei ihm mit einem Artikel sufgewartet, den das religiös-konservative, der Hauptsache nach aber stockzionistische und ultrahebraistische „Frankfurter Israelitische Familienblatt" in einer seiner letzten Nummern über die Petersburger Vorgänge bringt Die entscheidende Stelle sei hier wiederholt: .Von diesem Willen, nunmehr national zu arbeiten und zu wirken, waren auch die sachlichen Verhandlungen der an die Jubiläumsfeierlichkeiten sich anschließenden Jahreskonferenz der Organisation getragen* Darüber, daß diese jüdische Wirksamkeit nun Hauptaufgabe der Gesellschaft sein müsse, wurde gar nicht mehr gestritten. Zu heftigen Debatten kam es lediglich wieder zwischen den Hebraisten und Jiddischisten, und es wurde schließlich ein Programm für die Schulen der Gesellschaft angenommen, das Jiddisch als die Unterrichtsprache der Schulen erklärt, aber dem Hebräischen sowie dem Unterricht der jüdischen Geschichte und Literatur einen breiten Raum gewährt. Wir glauben, man kann sich — abgesehen von der Re-

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