Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Jüdisches Parlament
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 665 (sequence 2)
- Language
- German
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664 Vom jüdischen Leben und Schaffen aber der einzige andeutungsweise genannte Name des gewesenen italienischen Finanzministers Luzatti bezeichnend ist — wieder nur jene Kraft am Werke ist, die im letzten Jahrhundert alle jüdischen Konzepte so gründlich verdorben hat. Wieder werden die Ehren maßgebend sein, die man sich draußen erworben hat, wieder werden Geld und journalistischer Geist dominieren, wieder die Entjüdischten über die Jüdischen, die Wesenlosen über die Wesentlichen, die Halben und Nichtmalhalben übei die Ganzen herrschen. Wieder wird es Privatbureaukratie statt Volksamt, rationalistische Wassersuppe statt Kraftbrühe des Volksgeistes, wieder Mechanismus statt Organismus geben» Und alles dies im Namen einer Idee, die um keinen Preis verkrüppelt werden darf. Wenn es so kommen soll, dann lieber nicht Und vielleicht muß die wahre jüdische Parlamentsidee wirklich noch warten: Bis die großen Massen des ostjüdischen Volkes und ihre Führer gereift sind. Bis es für sich selbst zu sorgen gelernt hat, statt sich immer und immer wieder in die Pflegekind* schaft der Entfremdeten zu begeben. Bis der große Tag gekommen sein wird, da es dieses verderblichste Golus von sich abschüttelt. M. A. Beilis, das Opfer der Galizier. Schon sahen die armen Juden aus den Kassen der jüdischen Millionäre und Milliardäre einen Goldstrom in Mendel Beilis1 Taschen fließen, und so mancher hätte gern mit dem vielgeprüften Manne getauscht. Nun blieb aber, wie immer, die Wirklichkeit weit hinter der Phantasie zurück* Was floß, war kein Gold-, ja nicht einmal ein Tränenstrom und ,das große Los* des Märtyrers von Kiew besteht nur darin, daß er die heutigen jüdischen Machthaber als seine weisen Vormünder und sich als ihr peinlich gehütetes Geheimnis betrachten darf, das von ihnen durch ganz Europa „gereist wird\ Begonnen hat die Geheimniskrämerei in Wien. Erst als Beilis wieder weg war, durften die Zeitungen über sein Dagewesensein berichten. Und dann hielten die Wiener jüdischen Gemeinde* gewaltigen mit den Gründen des Versteckspieis auch gar nicht zurück. Sie sagten es jedem, der es nur wissen wollte: Man kann doch keine antisemitischen Demonstrationen riskieren! Und da s i e es waren, die es sagten, hatten sie ganz entschieden Recht. Denn wer will ihnen auch zumuten, daß sie es den armseligen Galiziern hätten gleichtun sollen — die sich von dem den Wiener Antisemitismus an Rücksichtslosigkeit und Gefährlichkeit weit übertreffenden polnischen Judenhaß nicht abschrecken ließen, zu Tausenden zu den Bahnhöfen zu pilgern, um Beilis zu sehen und iu ihrer lebhaften Art zu begrüßen Doch darf man sich freilich auch andererseits nicht wundern, daß bei den jüdischen Massen Wiens, namentlich denjenigen östlichen Urprungs, die Versteckmethode der großen Herren auf wenig Verständnis stieß, und daß sie ordentlich zu murren begannen. Und man hätte sich auch nicht wundern dürfen, wenn gewisse zionistische Kreise, die sich sonst wahrlich keine Gelegenheit entgehen lassen, um die Geheimtuereien und D ckebergereien, die kindischen Vormündereien und anmaßenden Unmündigkeiten der Offiziellen aller Art zu geißeln, sich auch diesmal eingestellthätten Man hätte erwarten können» daß sie das Murren des Volkes zu deutlicher und scharfer Anklage verdichten werden . , . Was lesen wir aber statt dessen in zionistischen Blättern Österreichs und Deutschlands, auch im Zentralorgan der Partei, der „Welt*? Man höre und staune; „Um Beilis vor Belästigungen zu schützen, wurde sein Aufenthalt in Wien geheim gehalten und die Wiener Zeitungen berichteten darüber erst nach seiner Abreise. Dagegen wurde der bedauernswerte Mann in Galizien auf allen Bahnhöfen von großen Menschen* massen umringt und konnte sich des Ansturms der Gratulanten und .Interviewer* kam erwehren. Auf den größeren Bahnhöfen wurden ihm feierliche Empfänge bereitet. Auch im Eisenbahnzuge, in dem die Familie Beilis fuhr, drängten sich die Mitreisenden, um Beilis sprechen und beglückwünschen zu können IÄ