Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Die Judenfrage in Österreich und ihre Zukunft
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 651 (sequence 2)
- Language
- German
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650 Benzion Rubstein, Die Judenfrage usw. österreichischen regierenden Klassen zur Durchführung dieser Reform solange nicht zu zwingen vermögen, als wir die einzigen daran Interessierten sind. Gewiß vermögen die Juden namentlich dort, wo sie in Massen wohnen, die Nachbarvölker zu manchen Konzessionen zu zwingen, gewiß vermag das jüdische Volk in Oesterreich manche nationale Palliativen zu er* kämpfen —, aber vollständig kann es die Judenfrage aus eigenen Kräften nicht lösen. Ihre Lösung hängt ganz von der weiteren Entwicklung der österreichischen Völker ab. Und wenn wir wissen wollen, ob uns der Kampf, den wir in Oesterreich um unsere nationale Befreiung bestehen, den Sieg bringen wird, müssen wir vor allem die Frage auf werfen: Führt die weitere Entwicklung Oesterreichs dazu, daß auch andere Völker als die Juden die national-personale Autonomie nötig haben, und so die Juden dermaßen genug starke Mitstreiter erhalten, um die österreichischen herrschenden Klassen zu dieser schweren und komplizierten Reform des Staatslebens zwingen zu können? * Schon seit Jahrzehnten gibt es in Oesterreich eine Binnenwanderung und einen Bevölkerungsaustausch zwischen den verschiedenen Provinzen. Ein genaues Bild davon zu geben, ist vollständig unmöglich, nur die Größe und Richtung läßt sich annähernd feststellen. Bis zum 31. Dezember 1910 existierte in Oesterreich ein Gesetz, nach welchem die Aufnahme neuer Mitglieder vom guten Willen der Gemeinde abhing. Da nun die Mitgliederaufnahme eng mit der „Armen Versorgungspflicht" verknüpft ist und so die „Armenlast" der Gemeinde vergrößert, so waren die Gemeinden bei der Aufnahme sehr vorsichtig und vergaben nur sparsam das „Heimatsrecht". Dadurch, daß auch die vorigen Volkszählungen die anwesende Bevölkerung nach der Heimatszuständigkeit registrierten, geben uns die Zahlen über die Landesfremden einen annähernd richtigen Begriff vom Bevölkerungsaustausch zwischen den österreichischen Ländern in den Jahrzehnten 1880—1900. Wie man aus nachstehender Tabelle ersieht, ist die Binnenwanderung in Oesterreich keine neue Erscheinung. Schon im Jahre 1880 war das zugereiste Element in einigen Ländern, besonders aber industriell entwickelten, sehr stark. In Triest bildete das landesfremde Element schon im Jahre 1880 die Mehrheit, in Niederösterreich ein Drittel der ganzen Bevölkerung. Das fremde Element war auch in Steiermark und Salzburg ansehnlich, in allen anderen Ländern war seine relative Zahl nur unbedeutend. Wichtiger als alles ist aber der Umstand, daß es in Oesterreich kein einziges Land ohne fremde Elemente gibt. Das zeigt, daß so-