Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Volkssache oder Parteiangelegenheit?
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 608 (sequence 2)
- Language
- German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 607 Waren denn die Zionisten, die für die westliche Philanthropie sonst nur Pech und Schwefel übrig hatten, plötzlich des naiven Glaubens, der Hilfsverein der „deutschen** Juden werde auf einmal seine Natur verleugnen, und sich eines schönen Tages als Filiale der — — „Histradruth" entpuppen? Die Technikumsfrage hat für die Zionisten ohne Zweifel eine nicht geringe Bedeutung. Ihre Organisation stützt sich in ihrer Arbeit nicht auf die realen Bedürfnisse derbreiten Massen, sondern auf die romantischen und gehobenen Stimmungen und süßen Sehnsüchte bestimmter Kreise der Intelligenz So muß sie denn immer etwas Neues, einen Plan, eine Gründung hinstellen, um Enthusiasmus neu zu wecken und der Phantasie etwas zu bieten Das Technikumsprojekt war dafür besonders geeignet, zumal seit den letzten Jahren der Hebraismus die ganze Organisation beherrscht. Voll großer Hoffnungen wartete man auf den Augenblick, da das hebräische Technikum sich auftuen würde. Die Zweckmäßigkeitsfrage: ob überhaupt ein Bedürfnis dazu im Lande ist, und ob nicht andere viel wesentlichere Aufgaben ihrer Lösung harren, durfte man gar nicht aufwerfen. Wer wagt es auch, mit Schuhen, die vom Alltag staubig sind, sich einer erlauchten Gemeinschaft zu nähern, die im sonntäglichen Putz dasteht und auf den Augenblick wartet, c*a der Himmel sich öffnen und ihre wunderlichen Phantasien erfüllen wird? So hat niemand die Frage gestellt, und man wartete auf den großen Moment--Da kam der Hilfsverein und hat mit seiner politischen Praktischkeit den Traum zerstört. Ein Wunder, daß die Zionisten spinnefeind wurden? Aber was haben wir denn damit zu tun, wir Nichtzionisten? Was würde das jüdische Volk von einem Technikum haben, dessen Lehrsprache wirklich hebräisch wäre? Würden die jungen Menschen, die es mit dem hebräischen Diplom verlassen sollten, vom jüdischen Leben und den Volksmassen weniger abgerissen sein als die, die in anderen Ländern Hochschulen absolvieren? Würden sie denn, anstatt ihrem von der Intelligenz verlassenen Volk zu dienen, sich etwa nicht, wie die Absolventen anderer Hochschulen in alle Richtungen zerstreuen? Ja, wenn sie in Palästina hätten bleiben können! Ist denn aber die dortige Industrie bereits so stark, daß dort Platz wäre für alle diese Dir plomierten? Im Gegenteil, immer wieder lesen wir in den palästinensischen Zeitungen, es sei dort gar kein Bedürfnis für eine Hochschule. Sogar ein so angesehener Palästinaarbeiter wie derAgronom Süßmann bemerkte kürzlich auf einer Sitzung des Odessaer Komitees, „er sei jüngst durch ganz Galiläa gewandert, breit und quer, und habe sich überzeugt, daß die Bevölkerung nicht nur für eine technische Hochschule, sondern sogar für Mittelschulen absolut kein Bedürfnis habe.* (Hooilem 46). Was soll nun der ganze Lärm? Der Hilfsverein führt eine assimilatorische deutsche Politik in Palästina? Wissen wir es erst seit gestern? Wenn die Zionisten sich anführen ließen, mögen sie sich darüber aufregen, aber was geht das uns an? Der Hilfsverein wird jetzt einige hundert junge Menschen am Technikum germanisieren? Aber die würden sich ja doch später bei deutschen Eisenbahnen oder andern nichtjüdischen Industrieunternehmungen des Orients, oder überhaupt in andern Länder assimilieren Hätte Palästina eine starke Industrie, dann hätte das Hebräische für sie vielleicht einen praktischen Wert; was soll es ihnen aber in fremden Ländern? Man frage also, wem das hebräische Technikum genützt haben würde, und was wir eigentlich daran verloren haben? Gewinn davon hätten nur die zionistischen Agitatoren, die daraus, wie aus allen Dingen in Palästina, eine Parteireklame gemacht hätten. Es ist wohl nicht genug, daß wir uns das zionistische Lärmen gefallen lassen, das jede zionistische Angelegenheit als eine nationale Frage ausposaunt! Zu sehr schon beutet man bei uns in der letzten Zeit das nationale Gefühl aus. Es wird Zeit, eine scharfe Grenze zu machen zwischen Fragen, die nur eine Partei angehen und wirklich nationalen Fragen. Die Technikumssache ist lediglich Angelegenheit einer Partei; sie berührt nicht das nationale Interesse/ Pinkus Barber»