Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- 'Jabnehistisches Alljudentum'
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 607 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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606 Vom jüdischen Leben und Schaffen religiöse Synode, kein jüdisches Parlament, keine ausschließliche Palästina- Institution, keine rein hebräische Akademie. Doch hängt er jeder dieser Negationen ein positives Aber an Die Jabneh-Akademie soll keine religiöse Synode sein, aber — sie „könnte eine Art Synhedrium wählen, zu dem einzigen Zwecke, allen Juden gemeinsame Heiiswahrheiten zum öffentlichen feierlichen Ausdrucke zu bringen * Sie soll kein jüdisches Parlament sein, aber — „es könnte ihr ... die Aufgabe zufallen, einen allgemeinen jüdischen Kongreß (den er sich periodisch vorstellt und bei dem er sogar an ein „modernes Exilarchat* denkt) zu berufen und dessen kulturelle Beschlüsse durchzuführen/ Sie soll keine ausschließliche Palästina- Institution und keine rein hebräische Akademie sein, aber — „wir glauben mit Achad Haam, daß ein hebräisches Palästina ein mächtiges Zentrum für Gesamtisrael werden kann und soll." Von allen diesen „Aber0 abgesehen, bezeichnet Dr Niemirower „die Wissenschaft des Judentums, die Literatur der Juden und die jüdische Kunst* als „die Hauptfelder" der Tätigkeit der von ihm vorgeschlagenen Akademie. Er stellt dabei ein literarisches und kulturelles Programm auf, das er als noch nicht definitiv bezeichnet, und das mir trotz aller Reichhaltigkeit, infolge kritikloser Aneinanderreihung von allerlei Gewährsmännern, Tatsachen und Aufgaben, stellenweise recht naiv und schematisch erscheint. Ich kann hier leider nicht auf alle diese Einzelheiten eingehen, sondern muß mich darauf beschränken, festzustellen, daß sie den Eindruck, den ich von der Schrift und ihrem Verfasser bekam, nur verstärkten Und dieser Eindruck? Nun, ich sehe einen Mann vor mir, der einen Zi iel des Schleiers gelüftet hat, hinter dem das große Geheimnis unseres jüdischen Schicksals ruht, der die Universalität unserer Art und die Mannigfaltigkeit unserer Formen ahnend geschaut hat, der den Mut und das Zeug zu großen Konzeptionen zu haben scheint, der Kopf und Füße, das geistige und das leibliche Israel, über das Prokrustesbett des Rationalismus und rationalistischer Ideologie hinausstrekken, hinauskriegen möchte. Aber — ja, auch ein Aber — nicht kann! Denn er stößt eben oben und unten an. Und dabei wird ihm die Ahnung der großen Einheit in der großen Mannigfaltigkeit zur Lust am Enzyclopädischen plattgedrückt, das lebendige Alljudentum zum gedachten und erdachten verrenkt. Aus seinen Konzeptionen werden Konzepte, die man sich beeilen wird, ihm zu verderben. Schade, jammerschade um den Mann! Dr. N. B. Volkssache oder Parteiangelegenheit? Wir werden im nächsten Heft noch näher auf das eingehen, was Buber leichthin als eine Angelegenheit der modernen jüdischen Bewegung bezeichnete, auf jenen Streit der Zionisten mit einem trüberen Beinah-Gesinnungsgenossen, der zu einer Lebensfrage des jüdischen Volks aufgebauscht weiden soll. Unterdes mag es nützlich sein, daß westliche Leser sich von den allzulauten Tiraden der zionistischen Presse an ein paar klugen Gedanken erholen, die S Niger-Tschorny, der Schriftleiter der „Jiddischen Welta in deren 12. Heft, unter obigem Titel darlegt Man kann die „Jiddische Welt4 wohl kaum einer allzugrossen Vorliebe für germanisierende Tendenzen zeihen; denn sie ist nicht nur das beste und vornehmste Organ der modernen jüdischen Bewegung in Rußland — sie ist obendrein die gewissenhafteste Verteidigerin der jüdischen Volkskultur gegen die russifizierenden Assimilationsversuche östlicher Zionisten. Niger schreibt u. a.: „Wochenlang lärmt schon die Kesselpauke, und die Trompete schreit; Haifa — Technikum — Hilfsverein. Depeschen jagen sich, ein Aufruf löst den andern ab — Proteste — Kundgebungen. Ich weiß kein zweites Geschehnis, außer dem Beilisprozeß, das so viel Kreischen und Lärmen erregt hat. Als sei nationales Unglück hereingebrochen. Es ist aber nur eine sehr einfache Geschichte passiert: Zwei, die früher Freunde waren, haben sieh entzweit , .