Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Ein Fest und ein Sieg
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 606 (sequence 2)
- Language
- German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 605 vidualität der Völker losgelöste Dinge. Das Volk erschien ihnen wie ein leeres Gefäß» in das sie, die Bevorzugten, die Intelligenten, die Gebildeten, Schulweisheit einzutrichtern hatten. In diesem Geiste gründeten sie ihre Schulen in verschiedenen Teilen des russischen Reiches. Trotzdem kann man ihnen nicht abstreiten, daß sie mit Ernst und Liebe an ihre Sache gegangen sind, und auch ihren Nachfolgern bis auf den heutigen Tag muß man das Zeugnis ausstellen, daß sie an der begonnenen Arbeit mit Ausdauer festhielten. Rechnet man dazu, daß viele dieser Vormünder dem Volke noch nahestanden und stehen, vor allem aber, daß ein in sich selbst tief verankertes Volk wie die Ostjuden der Nivellierung ganz automatisch widersteht, so begreift man, daß an dem Werk der «Mefizej haskolo* schließlich auch vieles wertvoll und sympathisch erscheint Und man begreift ebenso, daß das Leben des Volkes nicht spurlos an ihnen vorübergehen konnte. Wenn auch die Leitung zu allen Bestrebungen, die sie von ihrer alten „Haskolo*- Plattform abdrängen wollen, noch bis heute böse Miene macht, so hat sie es doch nicht verhindern können, zum Teil auch gar nicht wollen, daß sich in ihrer Gesellschaft seit Jahren ein gesunder Streit der Meinungen etablierte. So ist es gekommen, daß sich alles in allem die „Mefizej haskolo" großer Popularität erfreuten, und ihr Jubiläum ein Fest des jüdischen Volkes in Rußland werden konnte, zu dem man sowohl die Jubilare als auch das Volk beglückwünschen darf. Und nicht zum mindesten wegen des Verlaufes und des Ergebnisses der Festtagung selbst Diese gestaltete sich nämlich, von einigen unliebsamen Zwischenfällen abgesehen, zur mächtigen Kundgebung einer Intelligenz, die die Phrasen und Phasen einer albernen Selbstentäußerung einerseits und eines hohlen Nationalismus andererseits, wenigstens zum großen Teile überwunden hat und nun den Weg zum Volke und das Leben des Volkes sucht. Nach einer stürmischen Debatte, an der sich die markantesten Persönlichkeiten des jungen Ostjudentums in Rußland beteiligten, wurde mit großer Majorität der Beschluß gefaßt, daß in allen Schulen des Vereines die jüdische Unterrichtssprache einzuführen und Bibel, jüdische Geschichte, hebräisch und jiddisch zu lehren seien. Es ist nun allerdings möglich, daß die Leitung der Gesellschaft versuchen wird, diesen Beschluß ebenso zu mißachten, wie sie ähnliche, wenn auch noch nicht so weitgehende Beschlüsse einer früheren Tagung mißachtete. Sie hat Schulen, die den jiddischen Sprachunterricht einführten, die Substdien entzogen, was übrigens diese Schulen nicht hinderte, weiter zu bestehen. Und ebenso sind ja auch Störungen von einer gewissen dritten Seite nicht unmöglich. Aber was bedeuten am Ende diese Möglichkeiten gegenüber dem großen, die Zukunft erhellenden Sieg, den die Idee des lebenden jüdischen Millionenvolkes in den lange genug ausgehungerten oder benebelten Gewissen der ostjüdischen Intelligenz errungen hat? M. A* ,Jabnehistisches Alljudentum1 So heißt die Schrift ja gar nicht, die vor mir liegt. Aber mit diesen Worten kennzeichnet der Verfasser das Programm, das er in ihr aufstellt „Eine m od erne Jab n eh - Aka demie"*) will Dr. J. S. Nietnirower gegründet sehen, — eine Akademie, die „die geistige Einigung aller Juden und aller Epochen der Geschichte Israels* sein soll. Indem er feststellt, daß „die jüdische Kultur im 19. Jahrhundert Triumphe gefeiert hat,* — wobei er unter den Triumphen so manche mitlaufen läßt, die mir wenig danach aussehen, — fordert er die „jüdische Zentralakademie* „als Resultat unserer kulturellen und sozialpolitischen Entwicklung." Übrigens auch als „Einigungpunkt," den zu suchen uns die „Differenzierung unseres Stammes in religiöser, kultureller und sozialpolitischer Beziehung zwingt* Zuerst führt er aus, was die moderne Jabneh-Akademie nicht sein soll: Keine *) Wien, Verlag von Dr. Blochs „Österreichischer Wochenschrift."