Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Noch einmal Ost- und Westjudentum
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 572 (sequence 6)
- Language
- German
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Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum 571 halb der jüdisch-nationalen Bewegung stehen und den Assimilanten zugezählt werden, sich oft selber ihnen zuzählen — persönlich mehr jüdisches Lebensresiduum haben als viele, die im nationalen Lager sind, ja vielleicht sogar noch gewisse positive Funktionen im Dienste der Gemeinschaft ausüben. Kurz, weder persönliche jüdische Mitgift, noch persönlicher Wille können das Schicksal der ostjüdischen Intelligenz, wonach sie aus ihrer angestammten Kulturgemeinschaft herausgedrängt wird, ändern oder abwenden. Es sei denn, daß immer mehr ostjüdische Intelligenzler lernen, diese Mitgift und diesen Willen denjenigen Elementen, durch die das Ostjudentum in Erscheinung tritt, kraft deren es zusammenhält, direkt dienstbar zu machen. Möglich, daß dieser Fall eintritt Gewisse Bestrebungen nach dieser Richtung sind ja vorhanden, vielleicht kann man schon von Anfängen oder gar von starken Anläufen sprechen. Und es wird ja auch noch Gelegenheit sein, auf sie zurückzukommen. Vorläufig aber ist und bleibt es Tatsache, daß aus dem großen Organismus der Ostjudenheit ein wichtiges Organ, die Intelligenz, herausgeschnitten ist, und, geistig vom Mutterboden getrennt, für das Judentum verwest, daß sich (örtlich) mitten in der Ostjudenheit eine Bevölkerungsschicht aufgetan hat, die man ihrem Wesen nach nicht mehr als ostiüdisch bezeichnen ** kann. Natürlich darf man sie deswegen noch lange nicht einfach als westjüdisch werten. Es gibt noch immer eine Anzahl von Verschiedenheiten zwischen ostjüdischer und westjüdischer Intelligenz bezw. Westjudenheit. Zum Teil sind es solche, die sich aus den Verschiedenheiten der entsprechenden nichtjüdischen Umgebungen ergeben. (Russisch-jüdische Intelligenz z. B. ist kraft des russischen Einflusses andersfarbig entjudet als deutschjüdische.) Sie fallen in die Augen, sind jedoch für die Kategorisierung des Falles belanglos. Dann sind aber noch andere Unterschiede da, die sich daher schreiben, daß die ostjüdische Intelligenz eben in der Ostjudenheit, die westjüdische dagegen in der Westjudenheit geworden ist, ihr Wesen enthüllt und wirkt. Und das sind wohl die stilleren, zugleich aber auch, wie wir noch hören werden, bedeutungsvolleren Differenzen. Trotz alledem aber wird man — bei der offensichtlich weitgehenden Wesensanalogie zwischen den beiden verglichenen Gruppen — von der ostjüdischen Intelligenz, wie sie sich bisher entwickelte, als von einem Stück Westjudentum mitten in der Ostjudenheit sprechen dürfen, ohne sich eines zu großen Fehlers schuldige zu machen. (Schluß folgt.)