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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 544

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Vorlesung Max Brods
Date
1913-12-08
Page
Seite 544 (sequence 2)
Language
German
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Vom judischen Leben und Schaffen 543 schöne Zeile, aber das ganze Werk ließ immer unbefriedigt. Die Gedichte zeigten wiederum, daß Brod in der Lyrik das möchte, was Werfel kann; die Verse aus der Arche Noahs waren langweilig; das Höchststehende war der erste Teil etwa des Schlußkapitels eines neuen Romans »Tycho Brahe*, aber im weiteren Verlauf wurde er schlechter. Tycho Brahe hat die Zerrissenheit eines heutigen Juden, der sich bei allem scharfen Verstände dem naiven Genie (Keßler) unterlegen fühlt Und nun soll Tycho Brahe seine Höhe nicht dadurch erreichen, daß seine kritische Erkenntnis zugunsten irgend einer anderen Gabe ausgelöscht würde, sondern sie soll die Grundlage und ein Element der neuen Einheit seiner Seele bilden. Es müssen ihm nun schon des Hohen Rabbi Löw-Buber Ansichten von Religiosität die Augen öffnen, so daß er die vorschriftsmäßige neue Einheit der Weltanschauung findet, aber es geht doch nicht an, mittels seitenlanger Beschreibungen uns dies in Beziehung auf den Sternhimmel vorzuführen. Wo sich an solch schwerer Aufgabe die Gestaltungskraft des Dichters zeigen sollte, bleibt all das bloßes Gerede, die gut ausgedachte Konstruktion eines klugen Poeten. Man hat Max Brod schon zu viel verzeihen müssen, um noch länger schweigen zu können. Als er, vor fünf Jahren wird es gewesen sein, durch eine Veranstaltung des »Neuen Clubs* hier bekannt wurde, — wie waren alle entzückt, die den Anfang des „Nornepygge* hörten! Und in der Prosa erwartete man von ihm seither Großes* Gewiß, es kam „Das tschechische Dienstmädchen* und „Jüdinnen". Aber gleichzeitig wurde er flacher, der immer schon ein wenig zu viel Zufriedenheit mit seinem „Indifferentismusu gezeigt hatte. Jetzt freute er sich über seine Existenz und veräußerlichte sich in steter Bemühung um das Formale (im gewöhnlichen Sinne), Ich denke, er preist immer Flaubert und ließ sich von ihm beeinflussen? Dann soll er doch gerade von ihm lernen, nicht nur gefeilte Sätze hinzuschreiben, sondern keine nichtssagende und kleinliche Seite im Buche zu dulden! Vielleicht hat er den jüdischen Nationalismus noch nicht so verarbeitet, daß er als Künstler ihm gegenüber steht, wie edem anderen Stoff; erst durch eine Behandlung kann er Wert und Tiefe fir uns gewinnen, denn ohne Zweifel ist Brod zu einsichtig und bedeutend, um sich mit dem Range von „Nationalkünstlern" wie Struck, Zlozisti usw. zu begnügen, die nationale, keine ästhetische Einschätzung erbitten, Oder ob er sich nicht genügend Zeit zur Durchdringung und Konzentrierung jedes Buchs läßt, sich zu sehr verpflichtet fühlt, viel zu schreiben? Anscheinend ein Erbübel der Prager Zionisten . . . auch dann, wenn sie nichts Eigenes oder Wesentliches zu sagen haben (siehe die Aufsätze von Hans Kohn und Robert Weltsch im Sammelbuch „Vom Judentum'). Jedenfalls dürfte er nicht damit zufrieden sein, mit fröhlichem Optimismus nette Nichtigkeiten zum Besten zu geben, sondern er müßte die Entwicklung aufweisen, die man früher von ihm erhoffte. Er steht erst im Beginn der Dreißiger, er hat also noch viel Gelegenheit, die Versprechen seiner Jugend einzulösen. Bend** Cohn. Mir scheint fast, als geschehe hier Brod ein Unrecht, weil der Kritiker in der Hauptsache das besieht, was doch nur Episode ist — eine diesem Dichter von seiner jüdischen Mitwelt auferzwungene und wohl kaum allzulange das innerstnotwendige Suchen hemmende Neigung zu einer tendenziösen Stoffwahl, Es gab doch gerade an jenem Abend viel Anlaß, sich über Brod zu freuen, über seine starke und ehrliche Menschlichkeit, die, wenn er vorträgt, seine Dichtung allem Literarischen entreißt und in das klare Licht des Lebens taucht. Hier spricht aber einer, der Brod hoch einschätzt, und da es Besorgnis um den Dichter ist die ihm diese nur auf den ersten Blick nicht liebevollen Sätze sagen ließ, ist hier sein Tadeln zu Worte gekommen. f. Mt K.

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