Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Von noch nicht Benebelten
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 478 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 477 Frage nicht ,Was heißt das, alle Juden sprechen ja Jüdisch? . . , . — Von Ussischkins Ansichten wußten sie offenbar nichts....." -y- Temperamentlosigkeit Worüber unter Einsichtigen schon lange kein Zweifel sein sollte und was doch die wenigsten sahen, hat ein dankenswerter Bericht der „Welt" klar dargelegt: Das nämlich der Bejlisprozeß kein Werk der eigentlichen Reaktion, die ihn vielmehr fürchtet, sondern ein draufgängerischer Racheakt gewisser unverantwortlicher Kreise ist. Das ändeit natürlich garnichts an der Furchtbarkeit der Kiewer Ereignisse und noch weniger ist es geeignet, die jüdische Empörung zu mindern. Notabene, wo sie da ist. Denn leider muß es gesagt werden: Es gibt noch genug Stellen» wo sie nicht da ist. Ich spreche nicht von den paar polnisch-assimilierten Idioten oder Lumpen, die, ohne noch offiziell die jüdische Gemeinschaft verlassen zu haben, die Beilisaffaire benützen, um in der polnischen Presse ebenso giftige als oberflächliche Artikel gegen die jüdischen Massen zu schreiben. Ich spreche nicht von solchen unnormalen tollhäuslerischen oder verbrecherischen Verrätern» sondern von sozusagen normalen Juden, die, weit davon entfernt, ihre jüdische Gemeinschaft in Gedanken, geschweige denn mit Wort und Tat zu verraten, doch aber so weit sind, daß sie die Beilis- Affaire ertragen, ohne auch nur einen Augenblick die Fäuste zu ballen. Ich spreche von der zumeist so kühlen Haltung der reichsdeutschen Judenheit gegenüber den Entsetzlichkeiten, die sich jetzt auf der andern Seite der Grenze abspielen, namentlich von jenem Beschluß der Berliner jüdischen Gemeindevertretung, den schon einer der positivsten und jüdisch-wärmsten deutschen Juden der Gegenwart, — man mag sich sonst zu seinen Anschauungen stellen, wie man will — Rabbiner Dr, Ziegler in Karlsbad öffentlich getadelt hat. Ich spreche davon, daß in Berlin und anderswo erst die kleine zionistische Minorität öffentliche Kundgebungen gegen die tragische Justizkomödie in Kiew veranstalten, also zur Not nachholen mußte* was die Majorität der deutschen Judenheit, Dank ihren Führern, bisher versäumte. Die Argumentation, daß es der Judenheit unwürdig sei, gegen die Blutbeschuldigung zu protestieren, ist leer und windig, aber ebenso charakteristisch für die „abgeklärte* Art der Herren, denen eine andere Möglichkeit als ein alberner Protest auch nicht einen Augenblick lang in den Sinn kommt. Nun ist ja das am Ende nichts weiter als Temperamentlosigkeit, allein es ist erst eine Frage, ob darin ein Trost liegt. Vielleicht ist die Temperamentlosigkeit der deutschen Judenheit das schlimmste Symptom ihres Zustandes. Darüber kommt man nicht damit hinweg, daß man auf die Deutschen selbst hinweist, die ihre Temperamentlosigkeit nicht hindert, sich wohl zu befinden und eines der ersten Kulturvölker der Welt zu sein. Denn die sogenannte Temperamentlosigkeit der Deutschen stimmt zu ihrem gesamten seelischen Bild, fügt sich ebenso lebendig als ästhetisch in dieses ein, während die Temperamentlosigkeit der deutschen Juden Eisbeutel-Wirkung: unlebendig gequält, schematisch und schemenhaft ist. Panta, „Habharaaaa Ssefardliiit" Es wird nachgerade unaufschiebbar, auch etwas über die »habharaaaa ssefardüiit* zu sagen — daß heißt also nicht etwa über die spaniolische Aussprache des Hebräischen selbst, sondern nur über einen Unfug gewisser Fanatiker, die sie durchaus zur alleingiltigen, zur Einheitsaussprache im jüdischen Volke machen wollen. Nun ist ja nicht so ohne weiteres einzusehen, wozu man überhaupt eine Einheitsaussprache braucht, speziell in den Ländern des sogenannten Golus. Aber angenommen, das dringende Bedürfnis läge wirklich vor, warum dann die spaniolische Aussprache? Wäre es dann nicht doch etwas einfacher, die Drittel Million Sfardim zur