Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Die reifende Welt
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 463 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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462 Verse Die reifende Weit Heut' habe ich eine Pflaume gepflückt, Eine schillernde Pflaume von taufeuchtem Baum. Es sprang im Raum Die Sonne zitternd, tastend umher Und warf auf die Dinge den stahlblanken Speer; — Da ward mein Sinn darüber entzückt — In langen Fluten Flirrte der Reif um meine Hand Und ließ seine hellen, Flimmernden Garben Niederzischen auf mein Gewand. — Ich lauschte und stand Und trug eine Welt mit leuchtenden Farben. Heut' habe ich eine Pflaume gepflückt, Und ich weiß es nicht mehr, Ob ich noch atmend die Erde beschreite, Oder ob dem Gestern und Heute Schon weit entrückt, Nur Wolken und Winden zugesellt Hinschnelle über der reifenden Welt . . . Ich wusste nicht Seele . . Von Abraham Sonne (Abraham ben Jizchok.) O Erntetage mit dem reichbewegten Himmel! Die Erde scheint aus ihrem Innern zu leuchten, Und sturmwärts schleppen graue Wolken Die breiten Flügel in die Ferne nach. — Dann ragt aus des Waldes dunklem Grün In zwiefacher Blässe dein einsames Haus, Und aus stillen Fenstern raunt es mir zu: Mein Herz ist Ruh Vor dem Sturme. Und wenn Du so sitzest am leuchtenden Herd, Dann hüpft sein Gold Auf Dein geneigtes, lichtbraunes Haupt; Es rieselt das Licht durch Deine Finger, Und in Deines Gewandes schwarz-seidenem Spiegel Zuckt funkelnder Flamme feuriger Schein.