Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Eine Entdeckung Dr. Nordaus
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 413 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Vom jüdischen Leben und Schaffen wie er zu dieser Weisheit, — über die sich die Czernowitzer selber, die über einen gesunden Humor verfügen, wohl am meisten amüsieren dürften —, gekommen ist? Ob er sie sich einfach aus den Fingern gesogen hat? Oder ob sie den jüdisch-politischen Kämpfen in der Bukowina, von denen er etwas gehört haben mag, entstammt? Oder ob sie gar der ferne, unbewußte Nachhall jener jiddischen Sprachkonferenz ist, die im Jahre 1908 zufällig nach Czernowitz einberufen wurde? Doch die Hauptsache sind natürlich solche Untersuchungen nicht. Hauptsache ist vielmehr, zu erkennen, wie weit die jüdische Öffentlichkeit in den letzten Jahrzehnten versimpelt sein muß, wenn ein derartiger Mangel an Sachkenntnis und Intuition einen Mann dazu befähigt, einem großen jüdischen Kongreß als gleichberechtigte Macht gegenüberzutreten. Es muß wohl noch um vieles schlimmer* werden, damit es besser wird. nb. „Der orthographische Hokuspokus". Unter diesem schönen Titel erschien am 29, August in der Berliner Jüdischen Rundschau' ein Artikel, der sich mit dem jiddischen Teile der ,Freistatt' beschäftigt In A. D. Brody ersteht dort der jiddischen Sprache ein Schützer, der, empört über den „reinen Mumpitz" der „verkrüppelten und vermummten Umschrift", in welcher die ,Freistatf das Jiddische zum Zweck „stimmungmachenden Bluffs" transkribiert, den „Westlern klar und offen zeigen will", was „die ,Freistatt' gerne vertuschen möchte" (wie nämlich Jiddisch in Wirklichkeit aussieht). Nun ist es eine Tatsache, daß wissenschaftliche Kenntnis irgend einer, auch der eigenen Sprache, auf kleine Kreise beschränkt ist, daß sich aber nichtsdestoweniger jedermann für kompetent hält, über Fragen dieses Gebietes mitzusprechen und Urteile abzugeben, indem er in naiver Weise sein Sprachkönnen einem Sprachkennen gleichsetzt. Könnte man obenerwähnten Artikel mit diesen Tatsachen erklären, so würde ich es nicht für der Mühe wert halten, über ihn ein Wort zu verlieren oder Ansichten, wie z. B. der, eine gemischte Sprache sei keine Sprache oder keine eigene Sprache, die genügende philologische Komik abzugewinnen. Denn viel schwerer, als einem Nichtmathematiker die Integralrechnung, dünkt es mich, einem Laien auf diesem Gebiet die Erkenntnis beizubringen, daß Sprache ein Bereich der Wissenschaft und daß, von ihren Erscheinungen mit leeren Worten zu sprechen, sinnlos ist. Doch jene Erklärung genügt nicht Der Artikel ist anderem als sachlichem Eifer entsprungen. Zu deutlich verrät seine auf Beleidigungen abgestimmte Tonart ihre wahre Quelle: Die mühsam beherrschte, verbissene Abneigung gegen Jiddisch, verhüllt von einigen sich indifferent gebärdenden Ausdrücken. Und dieser wahre Grund veranlaßt mich dazu, ihn durch einige Worte über die sachliche Seite der Frage ins richtige Licht zu rücken. Der Artikelschreiber beachtet nicht einmal die gegenüberstehende Ausspracheerklärung, wo auf die etwas ausführlichere Darstellung in Heft 1 verwiesen wird. Ebenso entnahm er der ersteren nicht, — was auch ohne elementares phonetisches Wissen möglich ist — das Prinzip unserer Transkription und fühlt seinen „guten Geschmack", den eines „intelligenten Lesers", von den vielen Akzenten beleidigt. Zu seiner Aufklärung,