Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Von zionistischer Volksliebe
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 409 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119808-3120749--0739-3120867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
408 Vom jüdischen Leben und Schaffen. mit der deutschen und anderen Landessprachen gekämpft. Damals benutzten die Zionisten die gewaltige nationale Aufwallung der Massen sehr geschickt für ihre Mühlen und machten in Galizien jiddischistische Politik großen Stils. Kommt nun der naive Emigrant, der von den schnellen Wandlungen zionistischer Volksliebe nichts ahnt, nach Wien, so erwartet ihn auf dem Emigrationsbureau, das von den mühsam ersparten Groschen seiner Brüder ausgehalten wird, eine gewisse Abkühlung. Verstehen versteht der „Beamte" dort ausgezeichnet Jiddisch, und sprechen spricht er es nicht schlecht. Aber mit ihm Jiddisch reden will er partout nicht. „Hier spricht man nur Hebräisch oder Deutsch/' Das ist der kategorische Bescheid. Vielleicht hoffen die Wiener Hebraisten, das Volk werde auf solche Weise die in Galizien nicht allzuüberfüllten zionistischen Sprachkurse als eine Lebensnotwendigkeit lieben lernen, statt sie wie bisher als überflüssige Sporthallen für sfardische Zungengymnastik zu meiden? Oder hat man Angst vor dem lieberwiegen des Jiddischen im russisch-germanisch-gallisch-hebräo-arabischen Babel des neuen Jischew? Jedenfalls sind solche Brutalisierungen, wie sie der jüdische Emigrant in Wien erdulden muß, in den russischen Bureaux der vielgeschmähten, „volksverräterischen" Ica etwas Unbekanntes. Wohin soll es aber kommen^, wenn die Zionisten allen Assimilanten in Volksfeindlichkeit den Rang ablaufen? Woher wollen sie die sittliche Entrüstung über die Greueltaten der Ica, und der Alliance Israelite nehmen, wenn sie selbst derart das Volk drangsalieren? Und was soll aus den „Zeitungen des Zionisten" werden, wenn das Wort „Assimilanf* die eigenen Gesinnungsgenossen schmerzhaft trifft, und all der reiche Lesestoff unverwertbar wird, mit dem man früher ganze Spalten füllen konnte? Pinkus Barber. Sprachkuriosa vom Kongresse. Ganz richtig hat Herr Wolffsohn einigen Uebereifrigen zugerufen, daß der Kongreß keine Schule ist, wo man Hebräisch lernt. Und offenbar hat man es diesmal auch vermeiden wollen, ein Sprachtheater aus ihm zu machen. Denn man schob nicht mehr, wie vor zwei Jahren, eine besondere hebräische Repräsentationssitzung ein, sondern zog es vor, durch ein legeres Abwechselnlassen von hebräischen und deutschen Reden bescheiden anzudeuten, was bisher hebräisch bezw. deutsch sprechenden und verstehenden Juden Geheimnis war, daß sich nämlich die in der Welt so ziemlich die Wage halten. Nunmehr wird wohl kein Nörgeier mehr den Mut haben, von Künstelei, geschweige denn von schlimmerem zu sprechen. Ich habe für Herrn Wolffsohn ein entschiedenes Faible. Nicht, weil ich etwa entdeckt habe, wodurch er sich von der „Regierungspartei" unterscheidet, sondern ganz einfach, weil ich ihn für eine nicht unbeträchtliche und in ihrer urwüchsigen Stoßkraft interessante Persönlichkeit halte. Deshalb möchte ich ihm aber auch dringend raten, von präsidialen Scherzen über Jiddisch besser abzusehen. Ich finde nämlich, daß sie sich in seinem Munde, bei seinem spät erworbenen und in Klangfarbe, Wortschatz und Grammatik noch immer allzuöstlichen „Deutsch", etwas seltsam ausnehmen. Und wenn man in einem Glashause sitzt ....