Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Noch einmal Ost- und Westjudentum
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 376 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119808-3120724--0662-3120834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
A. Zweig, Zum Problem des jüdischen Dichters usw. 37B nur um Jahrzehnte auseinandergehen: Ob erste Hälfte des 19, oder zweite Hälfte des 18, Jahrhunderts. Und die Westjudenheit muß also jedenfalls als eine verhältnismäßig neue Erscheinung angesprochen werden. Aber kann diese Neuheit die Tatsache ändern, daß der Emanzipations- und Assimilationssturm auf dem ohnehin von Haus aus schon etwas kärglicher bedachten Gebäude so gründlich gewütet hat? Kann diese Neuheit aus den „gesunden, gutjüdischen Menschen typen, die nach wie vor in den westeuropäischen Ländern gedeihen" — und sollten sie auch wirklich so zahlreich sein, um von einer „Fülle" sprechen zu können —, jüdische V olks typen machen? Die Vermächtnisse des Blutes und der Geschichte sind noch frisch in ihnen, aber wo ist das Bankhaus organischen Volks- und Kulturlebens, wo sie sie anlegen könnten? Ist es denn Zufall, daß sie ihre „ureigene Note", die sie ja zweifellos besitzen, bisher nur überall dorthin tragen, wo sie wenigstens in fremden Formen Leben gewinnen kann — und nicht vielmehr bitterer Schicksalszwang, da sie ihr keine eigene Form zur Verfügung stellen, kein eigenes Leben einzublasen vermögen? Und schweben sie denn nicht zusammen mit den tausendmal so vielen, die nicht einmal mehr „gesunde, gutjüdische M enschentypen" sind — über demselben gähnenden Abgrund, der sich dort aufgetan hat, wo einst Fundament eines jüdischen Kulturbaus war? . . Der Grund ist erst gestern eingebrochen — auch ein Trost! . . . . (Fortsetzung folgt.) Zum Problem des jüdischen Dichters in Deutschland. Von Arnold Zweig. Ich setze voran, daß ich weiß: das Problem des jüdischen Dichters in Deutschland ist völlig und mit gültiger Wahrheit zu lösen erst, nachdem erstens in phänomenologischer Schauung das Wesen des Dichtertums evident erfaßt ist, nachdem zweitens der Einfluß alles dessen erkannt ist, was mit den Ausdrücken „Rasse" oder „Blut" gemeint ist, jenen allzuhäufig genannten dunklen Worten, hinter denen sich ein vielfältiger, dumpfer, noch ganz ungeklärter, aber bestimmt umgrenzter Bezirk des