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Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 347

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Sozialistischer Jude und jüdischer Sozialismus
Date
1913-10-08
Page
Seite 347 (sequence 2)
Language
German
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346 Maxim Anin, Sozialistischer Jude usw. unsichtbaren ewigen Faden — heute latent im Unterbewußtsein der östlichen Judenmassen. In vollem Glanz erstrahlt er im historischen Bewußtwerden der Auserwählten, in denen die Genialität des ewigen Volkes sich zur schaffenden Kulturtat verdichtet Diese erleben das Alljudentum in Zeit und im Raum. Die Vergangenheit wird in ihnen zur potenzierten Wirklichkeit, Die Zukunft erlangt in ihnen ihr wirksamstes Werkzeug. Aber das Gros der modernen Intelligenzjuden im Westen wie im Osten lebt weder in räumlicher Massengemeinschaft des Ghetto noch in zeitlicher Geisteskontinuität der Ahnenkette. Der intelligente Alltagsjude ist Arzt oder Advokat, Schauspieler oder Literat, überhaupt Berufsmensch, darunter einmal auch Pangermanist, Panslawist oder sonstwie ein „Pan", wo das Majufis-Singen eine Erwerbsquelle sein kann. Das Panjudentum aber hat es bisher zum einträglichen Beruf nicht bringen können. Im Gegenteil es wird hier meistens als Hemmnis im Beruf äußerst peinlich empfunden. Daher — die vorherrschende atomistische Auffassung des Judentums in jüdischen Intelligenzkreisen. Besonders im Sozialismus, wo das Nationale bis vor kurzem noch vom Sozialen ganz in den Hintergrund geschoben wurde. Sozialist ist in der Regel, wen das unmittelbare soziale und politische Interesse zum Sozialismus hintreibt Der Jude aber ist Sozialist, sobald er nur nicht aus „Beruf" zur Gegnerzunft gehört. Die mannigfachsten Faktoren spielen hier mit. Die tiefe messianische Sehnsucht nach dem Gottesreiche auf Erden, das übrigens auch praktisch niemand so benötigt, wie die Juden. Der scharf ausgeprägte, historisch und psychologisch tief verankerte, ethische Gerechtigkeitssinn: Von den demokratisch-sozialen Motiven der Gesetzgebung Mosis bis auf den Marxschen Sozialdemokratismus. Der starke Zug zur Internationalität, der bis auf Jesaios Weltbrüdertraum hinaufreicht und von der einseitig-intellektualistischen, ergänzungsbedürftigen jüdischen Eigenart gefördert wird. Der umstürzlerische Blick von unten nach oben eines gesellschaftlich Geächteten und politisch Gedrückten. Der scharfe Fernblick eines altbewährten Sturmvogels. — Alle die Wege führen den Juden zum Sozialismus. Viele dieser Wege muß der Sozialismus selbst wandeln. So ist den Juden im Sozialismus eine enorme Rolle zugefallen. An der Wiege des modernen Sozialismus sehen wir Marx und Lasalle stehen. Der utopische Traum ward zur Wissenschaft, zur „ehernen Notwendigkeit", weil das tote Aggregat winziger Einzelwillen zur historischen Kollektivmacht zusammengeschweißt wurde. Die Schlafenden, Bewußtlosen wurden zur

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