Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Alljüdischer Kongreß
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 343 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Vom jüdischen Leben und Schaffen. Alljüdischer Kongreß. Von den Juden Europas sind in den letzten Jahrzehnten zwei Millionen nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika ausgewandert, einige 100 000 nach Kanada, eine größere Zahl nach Südafrika und ungefähr 80 000 nach Palästina, davon alkin nach Jerusalem an die 45 000. In Kolonien leben dort an die 10 000 Juden, darunter höchstens/ 500 Zionisten, Und im Interesse dieser wenigen Menschen wird die ganze jüdische Welt in Aufregung gesetzt, werden Broschüren und dickleibige Bücher geschrieben „ Volksreden gehalten, die Gegner verlästert, beschimpft, heruntergemacht. Man schafft Nationalfonds, Oelbaumstiftungen, Banken, Parzellierungsgesellschaften und alle erdenkbaren Institutionen. Und jetzt im Monat September kommt man in Wien zusammen, debattiert, opponiert, votiert und kommt sich sehr wichtig vor. Das ist zweifellos das gute Recht all dieser Menschen, und niemand hat sich in ihre Sachen hineinzumengen. Aber gerade jetzt, da man wegen der kleinen Siedlung Palästina tagelang sich die Köpfe zerbricht, sich erbittert herumzankt wegen Nebensächlichkeiten, und in Kulturangelegenheiten des jüdischen Volkes sich allein für zuständig erklärt, *) — gerade jetzt fühlt man wieder, wieviel hundertmal wichtiger die Schaffung eines alljüdischen Kongresses ist, der sich nicht mit irgend einem kleinen Ländchen, sondern mit der politischen, ökonomischen und kulturellen Lage der Juden in allen Einwanderungsländern zu befassen hätte. Gerade jetzt, da man sieht, wie die Zionisten sich um die winzigsten Details ihrer kleinen Siedlung bekümmern, wie die, welche vorgeben, die Vertreter des jüdischen Volkes par excellence zu sein, nur starr geradeaus, wie mit Scheuklappen auf ihr ach so kleines Ziel schauen, jetzt wäre es an der Zeit, das größte Problem, das der jüdische Politiker zu lösen hat, die Eniigrationsfrage, ernstlich aufzurollen und sich mit dem Schicksal der eigentlichen jüdischen Auswanderermassen zu befassen. Aber diese werden schnöde im Stich gelassen. Sowie der „Bruder von Osten" im Zwischendeck irgend eines Dampfers untergebracht ist, hört jede Verpflichtung auf, sich um sein weiteres Ergehen zu sorgen. Die Hauptsache ist, daß er nicht mehr lästig fällt. Und daß drüben in den Einwanderungsländern neue ökonomische, politische und kulturelle Gebilde der Juden entstehen, daß sich eine neue jüdische Gesellschaft bildet, daß aber auch vielerorts die Stammesbrüder unterzugehen drohen, wen kümmerts, wer beschäftigt sich mit diesen Fragen, die wichtiger sind, als tausende andere? Man hörte von Plänen zu einem allgemein jüdischen Kongreß, man trat einmal in Brüssel zusammen, einige Führer unserer großen Organisationen kamen in diesem Jahre zu Besprechungen zusammen, aber etwas Positives fehlte uns bisher. Was wir brauchen, das ist die Organisation der Organisationen, das ist anstatt des gegenseitigen Heruntermachens und des Lästerns die gemeinsame Arbeit Hand in Hand, das ist die ökonomische Verteilung der jetzt nutzlos im Dienste der Judenheiten aufgebrauchten Kräfte. Wir brauchen unbedingt die Verständigung unserer Organisationen, der zionistischen, der Alliance, der Ito, *) Man darf hier wohl aus jenem famosen „Aufruf das E« A. C. zitieren: „Der Kongreß wird dartun, daß wir uns mit Recht die einzige Vertretung des jüdischen Volkes nennen, durch die das zerstreute Volk sagt, was es braucht, und was es will u. s. f.*