Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Der "politische" Zionismus
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 340 (sequence 2)
- Language
- German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 339 letzter Stützpunkt, ins Bersten zu bringen für geringe taktische Zwecke? Es sind doch in letzter Zeit so manche zionistische Idole ins Wanken geraten. Das Dogma vom Untergang des Galuth glauben heute nur noch die Parteisekretäre und die guten Leute in der Provinz, die von ihnen zionistisch infiziert werden. Die UnBedingtheit des Palästina wahns beginnt ja auch schon das Zeitliche zu segnen. Was bleibt dann jenen aberhundert „Nationaljuden", deren ganzes jüdisches Ideal ein schlecht verstandener, halb puritanischer, halb bohemeartiger Vegetarianismus war? Was bleibt jenen graunzerischen Intelligenzlern, wenn die dünnen Fädchen, die sie theoretisch mit dem Volke verbinden, gerissen sind? Dann bleibt der so sehr zeitliche Glaube an den Mythos von HerzL Ob es nicht „politischer" wäre, die große Ernüchterung, die auch ohne die Geisterbeschwörung den „Praktischen" bald kommen mag, noch ein wenig hintanzuhalten? Pinkus Barber, Die Legende von der „ostjüdiscben" Kultur Berufenere, ich denke vor allem an die Ostjuden selbst, werden wohl zu Pasmaniks Aufsatz in Nr. 29 der „Welt" Stellung nehmen. Mich als Westjuden interessiert an der Sache nur, daß das Sprichwort von dem Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt, sich wieder einmal bewährt hat Denn was ist das denn anders, wenn ein so typischer Ostjude, wie es Pasmanik ist, „die paar (wirklich, Herr Pasmanik, es sind in dem Zwölfmilhonenvolk nur ein paar) arabischen, persischen, bucharischen, kaukasischen und anderen Juden" gegenüber seinen eigentlichen Brüdern auszuspielen versucht? Was ist es denn anders, wenn Pasmanik behauptet: „das ganze Gerede von der gtsundtnf lebenskräftigen ostjüdischen Kultur ist nur eine Legende, die meist aus Unwissenheit, teilweise, von Kampfeslust gegen den Zionismus geschaffen ist"? Na, entweder spricht Pasmanik die Unwahrheit, oder aber seine engeren Gesinnungsgenossen, die uns deutscheu Juden erst das Verständnis für Ostjudentum vermittelten, die „wahrscheinlich aus Kampfeslust gegen ihre eigene Bewegung" in Almanachs, Bücherserien, Broschüren, Notenwerken uns das ostjüdische Leben näherzubringen versuchen, haben uns schmählich hintergangen und betrogen. Nachdem mir die Redaktion den kleinen Aufsatz aus dieser Nummer „Vom Mitleid und von Mäzenaten" vorlegte, glaube ich an die erste der beiden erwähnten Möglichkeiten. Das ist das Verlogene in dem Kampfe um AHjudentum, daß von der Gegenseite (die Assimilanten schalten aus; ich spreche nur von den Zionisten) die jüdische Masse beständig verleugnet wird zugunsten irgendwelcher peripheren Kreise, deren Existenz und Kulturbegabung von uns ja in keiner Weise geleugnet wird; daß die stärksten und wichtigsten Teile des jüdischen Volkes, die neun Millionen Ostjuden, von ihren eigenen Söhnen als jeder Kultur bar verschrien werden in bewußt unwahrer Weise. Das ist das Verlogene, wenn Pasmanik uns zuruft, wir, „alle diese Alljudtn mögen uns eingestehen: aus dem Galuth heraus und im Galuth selbst (wozu die ganze Welt außer Palästina gehört, das erwiesenermaßen nur einen kleinen Bruchteil der Juden aufnehmen kann) ist keine Erlösung unseres Volkes möglich. Es gibt nur ein Entweder—Oder, entweder all-