Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Zionistische Notwendigkeiten
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 283 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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282 F. A. Meyer, Zionistische Notwendigkeiten. diejenigen Kreise, die dem Zionismus indifferent oder gar feindselig gegenüberstehen. Der Zionismus berücksichtigt wenigstens —wenn auch mehr theoretisch — starke Volkstriebe, vor allem — was er zwar selbst leugnet — den philanthropischen und den Grundtrieb nach Auferstehung der nationalen Größe auf eignem Boden. In der Befriedigung dieses Grundtriebes sehe ich die welthistorische Bedeutung des Zionismus. Darin liegt aber auch die große Gefahr, daß die materiellen Momente der Bewegung den Sieg über die ideellen davontragen: daß die „Zionsliebe", die Sehnsucht des Einzelnen nach der nationalen Vervollkommnung, vor der zionistischen Politik den Kürzeren ziehen muß. Der Verringerung einer solchen Gefahr soll die im folgenden vorgeschlagene Revision des theoretischen Zionismus vor allem dienen. Sie will die Stoßkraft des Zionismus durch Befreiung von hemmendem Ballast, durch Hervorkehrung seines wahren Charakters mehren. Haben wir einmal das lebenskräftige Wesen des Zionismus erkannt, so sind ohne weiteres die wichtigsten Gesichtspunkte für seine Revision gegeben. Es gilt daher zunächst, ihn in seinen Hauptzügen zu kennzeichnen. In ihrem Anfangsstadium war die zionistische Bewegung, d. h. die Palästina-Bewegung, der Ausfluß einer volkstümlichen Kolonisationsgesellschaft. Sie hat dann den Weg über Herzls diplomatische Versuchspolitik zu einer kolonisatorischen praktischen Politik genommen. Der Zionismus nennt sich heute noch mit Recht eine politische Bewegung, da er sich Garantien für eine Erneuerung des jüdischen Volkes verschaffen will, und zwar nicht papierene Garantien, sondern solche, die in den Verhältnissen begründet sind. Er sucht einen Stützpunkt außerhalb jeder anderen völkischen Machtsphäre, in dem er später einmal, wenn die Entwicklung zur Reife gekommen ist, den Hebel zu einer jüdischen „auswärtigen" Politik ansetzen kann. Nichts anderes bedeutet Politik: den gegebenen Machtfaktoren einen selbständigen entgegenzusetzen. Ein solcher Machtfaktor fehlt dem jüdischen Volke; nirgends ist sein Wirtschaftsleben autonom; es fehlt ihm das territoriale Gebiet, wo es seine Politik verankern könnte. Der Gedanke des Zionismus aber ist: erst als geschlossene, nationale Eigenwirtschaft, die politische Bedeutung hat, wird man uns, unsere Art anerkennen. Er erstrebt die Anerkennung, nicht Duldung des jüdischen Volkes. Darin liegt seine Rechtfertigung. Denn das jüdische Volk hat einen Lebenswillen, so gut wie irgend eine andere Nation.