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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 261

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Die "Brüder von Osten" und die "Welt"
Date
1913-07-15
Page
Seite 261 (sequence 2)
Language
German
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260 Vom jüdischen Leben und Schaffen. Tatsache einer neuentstehenden volksnahen Jugend die Debatte beherrscht. Gitelsohn aber schätzt offenbar den kritischen Sinn seiner Leser nicht ali- Zuhoch ein und denkt: Was weiß solch ein „Datschke* (deutscher Jude) von unsern Verhältnissen! Er berichtet: „Alles ist — ich spreche natürlich von Rußland — flau und trüb, grau und dumpf, trag und schwach geworden Es wächst eine Jugend heran, die politisch indifferent, geistig uninteressiert ist. Sogar der nationalgestimmte Teil der Jugend leistet nicht viel, nicht so viel, wie es nötig ist. „Stumpfsinn, Stumpfsinn ist mein Vergnügen-, wie es im alten Burschen- Hede heißt. Natürlich, von Diskussionen, Rededuellen, Ideengefechten kann da nicht mehr die Rede sein. Alle alten Werte sind zerbrochen und entwertet — und die neuen sind wertlos. Was wird aus dieser Jugend erden? Was wird diese neue Generation leisten? Das ist eine bange schwere Frage*. Mittendrin dann in diesem Beitrag zur zionistischen Soziologie ein unglaublich plumper Angriff auf Scholem Asch. Asch steht nämlich auf Seiten dieser Jugend, die den Zionismus längst abgelehnt und mit der Gegenwartsarbeit begonnen hat. Asch und diese Jiddischisten „wollen d i e nationalen Juden sein. Aber in ihrer Bekämpfung des jüdischen Willens zur Zukunft (lies: der zionistischen Romantik), in ihrer Verneinung der lüdischen Zukunfsziele sind sie eigentich die Exponenten der Trägheit (lies: Jüdischkeit), die sich der Massen der Judenheit bemächtigt hat.0 Nun hat Asch bereits vor Monaten im Berliner Jüdischen Kulturverein und dann später auch in Rußland einen Vortrag gehalten, den die Freistatt im 2 und 3. Heft unter dem Titel „Jerusalem" brachte. Asch wagt es, darin zu andern geschichtsphilosophischen Folgerungen zu kommen, als die Zionisten das von ihren Broschüren gewohnt sind. Statt sich mit Asch, der ja noch immer kein Idiot ist, auseinanderzusetzen, fragt Herr Gitelsohn: „Was weiß der „Antihebräer" Asch von Politik?" Und fährt nach dieser Frage (die gewisse Leute sogar den im Zionismus Führenden mit viel Grund zu stellen glaubten) fort; „Asch ist nämlich auf der Strecke Berlin-Baku von der Stimmung der jüdischen Literaturkreise in Warschau, von der Skepsis, Gleichgültigkeit und Schnoddrigkeit infiziert worden. Denn das ist die Stimmung in den Kreisen der „Elite* des russischen und polnischen Judentums". Diese Anrempelung eines nationalen Dichters liest man nun nicht in dem Familienblättclien des Geheimen Rates Geiger — wir wollen damit Herrn L+ G garnicht die Fähigkeit zu solchen Streichen absprechen; siehe den Fall Else Lasker — f sondern ein nationaljüdisches Blatt gibt sich dazu her, seinen kritisch unbewaffneten Lesern solche Bilder der „Brüder von Osten" hinzumalen. Soll denn die zionistische Presse vollständig auf den Tiefstand unserer Famiiienblätter hinabgeraten? Es warten ihrer doch andere Aufgaben als derartige Kulturarbeit. Anders werden diese Zustände in der westzionistischen Presse nur dann werden, wenn eine wachsende Zahl junger Zionisten den Index, auf dem die jiddische Presse noch immer steht, mutig ignoniert und sich aus den Quellen zu informieren beginnt Bis es dazu kommt mag den Gläubigen noch manches hübsche Geschichtchen von der „Weif beschert werden. Pinkus Barber.

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