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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 251

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Máne͏̈ lider.
Date
1913-07-15
Page
Seite 251 (sequence 1)
Language
German
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250 Jiddische Dichtung IV, Avvrüm Rejzn Jiddische Dichtung, IV. Awrüm Rejzn (Abraham Reisen.) (Siehe Aussprachebezeichnung auf Seite 249). 1, Mäne Uder. Ch hob geshribn mäne Uder Nor mit tint, mit shwarcn; Wen ech lejn zej, dacht mir, ze ech Rojte blyt fyn harcn. Wüs ech lejn di Uder merer, Wert alc rojter, rojter; Wüs ech shräb di Uder m6rer, Wer ech blejcher, tojter. [Meine Lieder. — Ich schrieb meine Lieder mit schwarzer Tinte nur; wenn ich sie lese, dann glaub ich mein rotes Herzblut zu sehen. — Je öfter ich die Lieder lese, umso röter wird's vor mir und röter; je mehr ich meine Lieder schreibe, umso bleicher werde ich und toter* 2. Män tüg. S iz män tüg fyn frejd farshwyndn Yn män nacht iz üngßkymen, Hob ech faer Ünggcyndn, Wider wachn zech genymen, S iz düs lebn lib yn täer Yn es wilt zech wider wachn, Cind ech lecht yn bren mir fäer, Ch wil mech wider frejlech machn. Nor es shlisn zech di ojgn Yn der kop, er falt a mider; Iz der tüg awekgeflojgn Kensty shojn nit tügn wider. [Mein Tag. — Mein Tag der Freude ist geschwunden und meine Nacht gekommen. Da habe ich Feuer angemacht und zu wachen begonnen. — Das Leben ist so lieb und süß, man möchte wach sein immerzu. So zünde ich Lichter und Feuer an und will mich wieder fröhlich machen. — Doch die Augen schließen sich und der Kopf sinkt müde. Wenn der Tag verschwunden ist, kannst du's nicht mehr tagen machen.] 3. Amülikfi t6g. Cyshtelt zech in räjen, amülike t6g, Farshwyndöne t£g fyn män 16bn. Ech wel äch aderchgejn fyn ünhejb biz breg In jeder'n shüläm üpg£bn, Ech wel mir far jeder'n g£bn a nejg Yn shtrekn mit libshaft di hant äch. Es wet zech bawäzn a trer in man ojg, An alte — zi iz doch bakant äch. Ach, kloubt zech cyzamen, fargang'enfc t6gl Fargest, wüs ech hob äch gesholtn, Es iz nor gSwezn far cürgs ün breg, Es hot mir mit äch nisht gegoltn. Ir zent azoj chojshechdik finster ggw£n Yn shw£r, wi di rizikS berger; Gähoft hob ech beserö teg far mir zen, Ymzist ober — di zenen erger! [Vergangene Tage. — Stellt auf euch in Reihen, vergangene Tage, verschwundene Lebenstage Ich werde an euch allen vorübergehen und jeden einzeln begrüßen — Vor jedem werde ich mich neigen und werde die Hände euch reichen. In meinem Auge wird eine Träne sein, eine alte, euch wohlbekannte. — Ach, sammelt, vergangene Tage, euch! Vergeßt, daß ich euch fluchte. Es kam nur von dem maßlosen Leid und weil ich kein Glück mit euch hatte. — Ihr wäret so trübe und finster und schwarz und schwer wie die riesigen Berge; ich hoffte, bessere Tage zu sehen, doch umsonst — die von heute sind schlimmer!!

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