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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 198

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Sehen und Hören
Date
1913-06-15
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 197 viduum ergründen, sondern auch, wenn man eine ganze Stadt studieren will. Außer ihrem Antlitz haben Städte auch Stimmen, jede Stadt hat die ihr eigene. Die Städte singen und in ihrer Stimme kann man das Beben und Weben der Stadtseele erkennen, ,Le cri de Paris* hat seine eigene Harmonie, anders als das schwerfällige, mit Jodeln untermischte Wiener Geschrei, dessen Unterton das weiche, slavische Moll ist. Diese beiden Stadtstimmen erklingen wieder ganz anders als Wilna, das „lithauische Jerusalem* mit seinem rhapsodieartigen, mit Kadenzen durchzogenen, rhythmenlosen Klang des Geschreis der jüdischen Straßenhändler» — Wenn schon bei lebenden Wesen, die eine große Zahl von Ausdrucksmitteln haben, um ihre Lebensäußerungen zu beweisen, die Stimme, wie man sagt, die Hauptsache ist, so ist doch umsomehr bei leblosen Massen, die keine anderen Lebensäußerungen haben, die Stimme das Hauptausdrucksmittel des Lebens. Ohne Stimme sind sie ganz tot und können mit uns nicht in Verbindung treten. Das „Klagen* des Windes, das „Grollen-1 des Meeres, das „Geflüster* der Nacht, das „Rauschen* des Waldes, all das belebt für uns diese leblosen Wesen, Die Stimme ist es, die Lebensatem sogar auf einen Friedhof bringen kann. Es ist die innerliche Musik, welche uns vereinigt mit den Bewohnern des hohen Himmels und der finsteren Erdentiefe. Sehen allein ist zu wenig. Eine gesunde künstlerische Schöpfung entsteht aus Sehen und Hören, oft nur aus dem Hören. Und gerade das Gehör, onne das es kein künstlerisches Schaffen gibt, das Gehör, das seit je eine Haupteigenschaft des jüdischen Volkes war, fehlt den meisten Schriftstellern unserer neuen Literatur* Ihre Augen sind offen, ihr Blick weit, ihr Sehen scharf, aber das Ohr ist leider Gottes taub. Ihre Augen sind offen, nicht das kleinste Pünktchen entgeht ihnen; aber taub sind ihre Ohren und die ganze Welt und ihre Geschöpfe haben für sie den Mund verschlossen. Sie sind taub und niemals noch hörte ihr Ohr das Lebenslied, die Schöpfungshymne, das Raunen der Zeit; sie haben kein Gehör, und das Leben und Weben der Seele, das man nur aus der Stimme hört, die Schöpfungsseele, die nur im innerlichen Gesänge liegt, alle diese Dinge sind für sie fremd. Sie sind taub, und wenn auch ein ganzes Volk schreit um Hilfe ruft und im Todeskampfe röchelt; sie rühren sich nicht, als ginge die Sache sie nichts an. Denn sie hören es nicht. Taub sind sie; das Leben, das sie malen, ist stumm, und in ihren Geschöpfen und Gestalten spürt man die Taubheit und seelische Leere. Ihr künstlerisches Schaffen entspringt dem Sehen und nicht auch dem Hören. Das ist das große Geheimnis, warum die Arbeiten unserer Modernen langweilig sind. Man betrachte diese Erscheinung näher, und man wird viele Rätsel in unserer neuen hebräischen und jiddischen Literatur begreif en und lösen! J. A. Loubetzky. Opposition u. Gleichgültigkeit Dem Kundigen ist es traurige Gewissheit, daß für die Erkenntnis des ostjüdischen Lebens unsere Familienblätter eine sehr trübe und unbenutzbare Quelle abgeben. Solange selbst unsere Akademiker sich nicht aus der jiddischen Presse informieren wollen, gehört es zu den wichtigsten Aufgaben der Freistatt, die ostjüdische Publizistik selbst zu Worte kommen zu lassen und so die vielen Fiktionen, mit denen selbst der derzeitige Zionismus seinen An.

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