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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 197

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Gegen die Störenfriede
Date
1913-06-15
Page
Seite 197 (sequence 2)
Language
German
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196 Vom jüdischen Leben und Schaffen. In der deutschen Judenheit gibt es jetzt eine Strömung, die — entgegen den Entscheidungen von Regierungsbehörden! — darauf abzielt, ausländischen Juden das Wahlrecht, namentlich das passive, für die jüdische Gemeinde abzusprechen. In einigen Gemeinden hat man sogar schon eine dahingehende ausdrückliche Bestimmung ins Statut aufgenommen. Man sieht, die deutsche Judenheit bemüht sich, nicht hinter der französischen zurückzubleiben. Und bei Lichte besehen, hat sie allen Grund dazu. Sie ist ohnehin im Nachteil gegenüber den Glaubensbrüdern in Frankreich Während diese sich bis zur äußersten Schattenhaftigkeit des jüdischen Lebens entwickeln konnten, ist sie selber ewig gestört und aufgehalten worden. Immer und immer wieder kamen die östlichen Einwanderer herübet und immer und immer wieder preßten sie aus ihr die letzten jüdischen Energien heraus. (Selbst dieser Ludwig Philippsohn war bezeichnenderweise so ein Ostjudenstämmling.) Und da soll sie sich jetzt nun gar von einer ganzen Welle solcher Barbaren überfluten lassen? Wozu hat man dann so lange und so eifrig die religiöse Bedeutung des jüdischen Volkes als Vorwand für seine Leugnung benützt? Wozu war dann dieses ganze rast- und bedenkenlose Streben, die deutsche Judenheit von dem großen jüdischen Lebenskontinent abzutrennen und zu einer abbröckelnden Insel zu machen? Wozu war dann dieser echte Insulanerdünkel und gesunde Insulaneregoismus, den man sich zulegte? Wozu dies alles, wenn es den Barbaren schließlich doch glücken soll, der deutschen Judenheit wieder etwas Blut in die blassen Wangen zu treiben, sodaß sie am Ende gar aufhört, an chronischer Langeweile dahinzusiechen? Nein, es darf nicht sein! Die deutsche Judenheit darf nicht ihre einstige jüdische Größe, darf nicht sich selbst in All-Israel finden. Was würden das leuchtende französische Vorbild, das deutsche Vaterland und — die Bequemlichkeit dazu sagen? nb Sehen und Hören» Um ein Künstler zu sein, genügt ein scharfes Auge nicht; man muß auch ein scharfes Ohr haben. Um ein Kunstwerk zu schaffen, muß man nicht nur sehen, sondern auch hören, den Menschen hören, wenn er spricht, klagt, sich auflehnt, weint, lacht, singt; fröhlich, traurig, leidenschaftlich oder ruhig ist. Nur wenn man die Stimme des Menschen in allen diesen seelischen Zuständen zugleich hört, während das Auge sich in die Züge und Linien seines Antlitzes versenkt, nur dann kann man durch die Linien hindurch die Menschenseele und ihr Innenleben erfassen und verstehen. Wie ist es aber, wenn der Mensch, den man ergründen will, plötzlich schweigt und verstummt? Dann ist die ganze Mühe vergeblich. Zugleich mit dem Munde haben sich auch die Toreseiner Innenwelt geschlossen. Wohl spricht der Blick seines Auges; die Linien und Züge des Gesichtes sind auch Verräter, die verborgene Geheimnisse ausplaudern; aber das alles sind nur Winke für halbe, nebensächliche Dinge. Die Hauptsache bleibt doch mit sieben Siegeln verschlossen. Wahres, gesundes künstlerisches Schaffen entsteht nur aus dem Sehen und Hören, Wenn der Künstler kein Gehör hat — nicht nur der Musiker —, sind seine Schöpfungen nicht das, was sie sein sollen; es fehlt ihnen etwas — der Atem des Lebens, Das Sehen allein, man mag noch so scharf und weit sehen, genügt nicht; man muß auch die Musik des Seelischen hören, nicht nur, wenn man ein Indi-

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