Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 193

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Dûs lecte͏̈ wort.
Date
1913-06-15
Page
Seite 193 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
78% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119805-3120238--0316-3120340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

192 Jiddische Dichtung III, Jehojesch. gerissenem Mund, o sagt, — Welch Wort zuletzt auf eurer Zunge brannte? Und was war eurer letzter Wunsch, den ihr nicht mehr verkünden konntet? — Ist es ein ungefluchter Fluch, der in verknirschten Zähnen ruht? Verlangtet röchelnd Rache ihr für euren Tod von kommendem Geschlecht? — Ich blättere und blättere Und plötzlich, glaub ich, höre ich: Kein Fluchwort, keinen Racheruf hat Henkershand dem Mund entpreßt Das Wort, das unvollendete, es war ein Schlachtgeschrei: O laßt das Werk nicht halbgetan, halb ausgefochten nicht den Kampf! Kämpfet und fallt wie sie!-] 10. Nüch der I6wajg. Bagrübn di harygem shojn, Farshotn di korbünes, Fargosn emes-jideshlech Fyn tr£r'n an ekjünes. Dem lectn kadesh üpgezügt, Me shlist shojn dem besojlem. A zifc, a krechc . . . Yn ejncikwäz Ahejm cygejt der ojlem. A wäle di cyworfene Ejn wejteg hot farbyndn, A wale di farfrojrSne Ejn flam hot fingäcyndn. Ejn jiesh yn ejn hofenyng, Ejn chejshgk cy melchüme, Ejn shtolc, ejn käs, ejn shtorem fyn Der grojser folksneshtimg. Ict shlist men dem besojlem shojn. O Got, wi lang gedouern, Wet jener achdesfynk wüs shtamt Fyn shytwesdikn trouern? [Nach dem Begräbnis. — Begraben die Ermordeten. In Erde ruhen die Opfer. Nach Judenbrauch vergoß man Tränenmeere, — Das letzte Kaddisch ist gesagt Seufzen und Ächzen. Dann geht man nach Hause. — Eine Weile verband die Zerstreuten ein Leid, eine Weile entflammte die Erstarrten eine Flamme, — Eine Verzweiflung, eine Hoffnung, ein Kriegsbegehren, ein Stolz, ein Zorn, ein Sturm aus des großen Volkes Seele. — Man schließt die Friedhofstüren schon, O Gott, wie lang wird währen jener Funken Einigkeit, entsprungen der Gemeinsamkeit der Trauer?] 11 „Shojmejr mah milajil" *) Wüs hertzech, wechter fyn der nacht? Kyk ym zech, folkspiket, gib acht, Wüs z£sty fyn dän toremcimer? Hot ergecwy a shän derwacht, A shproc fyn morgnshimer? Wüs hert zech, wechter fyn der cät, Wus zesty in der finsterkejt? Ynz shtarbt der mut, di kojches wjanen, Züg, iz nit ergec in der wät A gojel yfgeshtanen? Der wechter fyn zän torem zögt: „Es hot geshimert yn getügt, Yn s iz shojn wider nacht gewor'n. Doch iz, man folk, di hant, wüs trügt Dir hilf, noch nit gebor'n. Noch lang der weg, der kamf noch shw6r, Grejt ün zech mut, grejt ün gew£r, A harc fyn shtül, a kop fyn äzn, Yn breng korbünes m6r yn m£r, Biz s wet zech lecht bawäzn." *) Hebräisches Zitat. [„Wächter, wieviel verfloß von der Nacht?" — Was gibt es, Wächter du der Nacht? Schau um dich, Volkswacht und gib acht, was siehst du von des Turmes Zinnen? Ist noch der Frühschein nicht erwacht, den Morgen zu beginnen? — Was gibt es, Wächter du der Zeit, was siehst du in der Dunkelheit? Der Mut erstirbt, die Kräfte schwinden. Ist der Erlöser uns noch weit, Erlösung uns zu künden? — Der Wächter hoch vom Turme spricht: .Der Tag, er schimmert schon licht, hat wieder sich in Nacht verloren. Es ist mein Volk, die Hand noch nicht, zu retten dich, geboren. — Der Weg ist lang, der Kampf noch schwer, rüst dich mit Mut, rüst dich mit Wehr und glüh dir Herz und Hirn zu Stahle und bringe Opfer mehr und mehr, bis Tag erscheint im Strahle!* [Ausgew. v, Salomo Birnbaum.]

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.