Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Fyn "Blyme͏̈n yn dérner".
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 191 (sequence 2)
- Language
- German
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190 Jiddische Dichtung III, Jehojesch. Fyn wejtg ön üncülike Mech warfn nüchanand. A rejne, a gen&zene Fyn ale psojles frä, Män übe, di gew^zene Cyblit zech fyn-dfis-nä. Yn wüs zi iz derwäterter, Ale shener shpiglt üp, Ale milder yn geläterter Ir bild zech in män kop. [Vorbei ist das lange und bittere Siechtum, Ohne schmachtendes Sehnen gedenke ich ihrer, — Und ungewollt und unbewußt schwebt überall ihr Bild und winkt mir Gruß und haucht mir Duft ins Herz und in den Sinn. — Sie ist nicht mehr die Frühere, die mich in den Eisesbrand von Schmerzen ohne Ende warf. — Rein ist und heil meine Liebe und frei von Schlacken, von neuem erblüht sie. — Je ferner sie ist, umso schöner, milder und geläuterter spiegelt ihr Bild sich in mir.] 7. A rejnikkejt In winkl bes-hakwüres shtejt A kejwer wild farlozn, Es plonter'n in koltns zech Jüf än, jür ous die grüzn. Ir zycht ymsist „Poj-nikbers* dort, S shtejt kejn macejweshtejn nit, Den yntn ligt kejn barmenen, Kejn mentshleche gebejn nit. Yn fregndik derwist ir zech Fyn kwüres-man, dem altn, Dfl hot men jür'nlang cyrik A „rejnikkejt* behaltn. S hot gance dojrgs derchgetebt, Got wejst wifl alijes, Biz pösl zänen mit der cät Gewor'n di jerijes. Yn s foult der parmet in der 6rd, Doch ganc die ojsjes zänen, Yn wen düs feld in nacht zech klejdt Yn shter'n nemen shänen, Dan ejncikwäz di ojsjeslech Arous fyn kejwer krichn, Yn tanen ym in grinem grüz Wi fäerdike shtrichn. Zej flater'n yn flaker'n In üwntdikn awer, Biz s hot gefynen jöder os Zän shüchn yn zän chawer. Dan reien zej in werter zech In shyres wi farcätn, Yn finkl'n in der shwarcer nacht Wi jürcätlecht fyn wätn. [Eine „Reinigkeit". — Im Friedhofswinkel liegt ein ungepflegtes Grab, von Gras in ewig wirren Büscheln überwachsen. — Umsonst sucht ihr Inschrift und Grabstein dort. Denn kein Leichnam, kein Menschengebein ruht hier in der Erde. — Wenn ihr den alten Totengräber fragt, erzählt er euch: Hier bewahrt man seit alten Zeiten eine „Reinigkeit* (nicht mehr verwendete Thorarolle). — Viele Geschlechter, unzählige Alijes (Aufruf zur Thora) sah sie, bis endlich das Pergament ungiltig ward — Das fault nun da unten; doch die Buchstaben sind unversehrt. Wenn Nacht das Feld hüllt, wenn die Sterne erstrahlen, — Dann kriechen sie aus dem Grabe hervor und tanzen wie feurige Striche im grünen Grase umher. — Sie flattern und flackern in der Nachtluft, bis jeder Buchstabe seinen Nachbarn und Freund gefunden hat — Dann reihn sie sich in Wörter und Zeilen wie einst und funkeln wie ferne Jahrzeitlichter.] 8. Di alije. Di shtSr'n cyshtarbn, es shproct yf baginen, Yn grü wert fyn mizrech di want. Der shamgs, er gejt shojn baeätns cym dawnen, Di shlisl fyn shyl in der hant.