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Die Freistatt · 1913-04-01 · Heft 1 (April 1913) · p. Seite 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 1 (April 1913)
Article
Die Erstarkung der westlichen Jüdischkeit
Date
1913-04-01
Page
Seite 9 (sequence 5)
Language
German
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aber keine Anhänger gefunden. Warum? — Ihre erste Forderung an den Westen wäre gewesen: Einzugestehen seine ganze abgestorbene, erfrorene Jüdischkeit, anzufangen mit dem Umlernen von Grund auf; die jüdische Kultur, die derzeitige, wie ihre Grundlagen zu umschlingen mit heisser, werbender Inbrunst. Solch starker entschlossener Jüdischkeit entsprach aber nicht die psychologische Stimmung des Westens* Den westlichen Juden fehlten nach dem Beginn ihrer Emanzipation die starken Kontakte mit der Volksmasse. Die dieser Zeit vorangegangenen Generationen hatten aus sich heraus keine Praeservative geschaffen gegen die mit der durchgeführten Emanzipation zu erwartende ethnische Auflösung* Was vor der Emanzipation den Zusammenhalt garantierte, war nicht mehr« Das Ableugnen aller verbindenden ethnischen Bande, das Sichgebärden als nur konfessionelle Gemeinschaft wurde im Zeitalter Darwins und der Bibelkritik zum verwegenen Experiment« Die um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts vorherrschende Grundstimmung war darum noch viel extremer und krasser in der jüdisch-, als in der allgemeinbourgeoisen Intelligenz- — Da waren einmal die rassenhygienischen Strömungen, deren breitem Bett die jüdische Jugend nur streckenweise folgen konnte. Sobald das Wort vom „Volkstum'' fiel* — und in der Natur der Bewegung lag es, dass dies bald geschah — fühlte der jüdische Sozialist, Bodenreformer, Abstinent, Wandervogel u. s* fM dass er nicht auf festem Boden stand. Dann waren da die aesthetisehen Strömungen, das Ringen um Stil und ehrliche, schöne Form. Sie mussten in den Gemütern der mit um den Lorbeer ringenden, zwischen der Betonung und Verleugnung der eigenen Art schwankenden Juden eine verzweifelte; zumindest eine stark resignierte Grundstimmung auslösen» Ein wenn auch nicht grosser, aber der qualitativ beste, ethisch hochwertigste Teil dieser westjüdischen Intelligenz verfiel einem Skeptizismus, dessen beide extremen Schlussfolgerungen „Freitod oder „Anarchismus" hiessen. Im weiten Abstand von diesen dünnen bourgeoisen Schichten kamen die breiteren, dichteren derer, die durch den Antisemitismus verärgert einen

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