Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 28 (1927)
- Article
- Achad Haam
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 30 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- 30 - ich habe ihn in einer geistigen Verfassung gesehen, wie niemals zuvor und nachher. Er, der sich immer zu beherrschen wußte, hatte fast alle Selbstbeherrschung verloren. Die parlamentarische Aufmachung des Kongresses mißfiel ihm sehr, und vor allem bekämpfte er den politischen Zionismus, der seinen, in den ersten beiden Aufsätzen: „Das ist nicht der Weg" niedergelegten Ideen über die Wiedererstehung des jüdischen Volkes völlig widersprach. Aber Achad Haam war auch persönlich aufs Heftigste erschüttert. In Basel waren Dinge vorgekommen, über die zu sprechen es noch nicht an der Zeit ist. Auf der Rheinbrücke zu Basel kam es zu einer zufälligen Begegnung zwischen Theodor Herzl und Achad Haam. Die Unterredung zwischen diesen beiden Männern, die unter vier Augen stattfand, währte nicht lange und endete mit einer schroffen Dissonanz. Die mir bekannten Einzelheiten dieser Episode kann ich zurzeit noch nicht veröffentlichen. Es muß nur dabei gesagt werden, daß bei Theodor Herzl in diesem Punkte ein verhängnisvoller Irrtum obwaltete. Er war über die geistigen Strömungen der russischen Judenheit völlig im Unklaren, und in bezug auf Achad Haam wurde er, wahrscheinlich mit Absicht, falsch informiert. In einem kurzen Aufsatz, den Achad Haam bald darauf im „Haschiloach" veröffentlichte, präzisierte er mit aller Schärfe feine Absage an den politischen Zionismus, wie er auf dem ersten zionistischen Kongreß zu Basel programmatisch verkündet worden war. Er blieb alle die Jahre hindurch in der Opposition, wobei seine Stellung in der jüdischen Oeffentlichkeit äußerst prekär war. Achad Haam konnte sich in keinem Falle den Gegnern des Zionismus anschließen, die in dieser Bewegung eine „Gefahr für das Vaterland" sahen. Ebensowenig durfte er sich in die Gesellschaft jener begeben, welche die geschichtliche Mission des jüdischen Volkes gerade im Ealuth verwirklicht fanden, da es nur in der Zerstreuung und in der Preisgabe seiner nationalen Existenz dieser hohen Mission gerecht werden könne. Aber der politische und diplomatische Zionismus erschien ihm als