Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Haym Steinthal
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Kreise, dafür aber auch tiefer und nachhaltiger für das Judentum gewirkt hat. Das gerade macht im höchsten Sinne die Bedeutung dieses Denkers für das Judentum aus, daß das Judentum für ihn keine bloß derVerg a n g e n h e i t angehörende, wenn auch sehr bedeutsame Erscheinung bildet, daß es für ihn vielmehr, freilich ebenso für Lazarus und Cohen, eine noch immer lebendig fortzeugende, schöpferische Kraft darstellt, an deren Zukunft er glaubt und deren Erhaltung ihm innig am Herzen liegt. Als das Judentum im 18. Jahrhundert in der Zeit der Aufklärung aus der mittelalterlichen Enge in die moderne Kulturwelt eintrat, war damit für dasselbe eine äußerst gefährliche, schwere Krise angebrochen, eine Krise, die mehr als irgend eine der vorangegangenen seinen Bestand ernstlich bedrohte und erschütterte. Daß nicht alles unverändert beim alten bleiben könne, war jedem Einsichtigen sofort klar. Die Frage war nur, ob es dem Judentum möglich sein werde, auf dem Boden des modernen Geistes und ganz von ihm durchdrungen, sich zu behaupten und zu verjüngen. Da war es freilich, mancher betrüblichen Erscheinung gegenüber, tröstlich und verheißend, daß an der Zeiten Wende eine Gestalt wie die Moses Mendelssohn's stand, ein Philosoph, der modernen und jüdischen Kulturgeist so in sich zu vereinigen und zu verschmelzen wußte, daß das jüdische Bewußtsein doch die eigentliche Substanz, das Innerlichste und Tiefste seiner Seele blieb. In der Generation nach Mendelssohn sahen die Dinge viel schlimmer aus. Der große Kontrast zwischen dem Alten und dem Neuen machte sich hier, zumal unter dem Druck der politischen Verhältnisse und infolge der Emänzipationsbestrebungen, so stark fühlbar, daß das religiöse Judentum damals unter allen und modern gerichteten jüdischen Geistern keinen irgend imponierenden Vertreter hatte. Die philosophischen 68