Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5678
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
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17 führende Persönlichkeiten innerhalb der deutschen Judenheit, ihrer Vergangenheit eingedenk, ohne Anwartschaft aus Erfolg oder Dank, doch vom sturmumbrandeten Kaiserthron sich nicht eilfertig abgewendet. Während die Demokraten von des Kritzgsmißgeschickes Ungnaden sich im neuangeschminkten Männerstolz vor Königsthronen gefielen und die Republikaner von heute ihren früheren Byzantinismus verleugneten, hielten die Juden dem Deutschen Kaiser im Kriegsunglück, aufrecht, die Treue, die sie früher nie vordringlich beteuert haben. Und das unbekümmert um die Entwicklung der Ereignisse, die nach Richtung und Ziel so gar nicht vorauszusehen war. Jene, die uns die verhängnisvolle politische und Kriegswirrnis angerichtet, konnten mit Fiesco rufen: „Unheil, du bist im Zuge, nimm welchen Lauf du willst." Die Juden aber werden auch der neuen Staatsordnung die Achtung und die Treue widmen, zu der Religion und Ueberlieferung sie verhalten. Wir indes hoffen zuversichtlich, daß bei dieser Weltuntergangs-Stimmung, wie bei der Erschaffung der Welt, aus dem Chaos ein herrliches Gebilde neu erstehen wird. Zwar noch lange nicht mit einem Paradies im Mittelpunkte, aber doch eine Welt, in der man leben und seine Kräfte frei regen, frei entfalten kann., Wohin die Herrschaft der Gewalt und der Vergewaltigung führt, wie die Erdrückung von Minderheiten sich rächt, wie übel die Rechtsungleichheit ausgeht, das haben wir ja schaudernd erlebt. So bleibt denn neben dem Wunsche auch die Hoffnung berechtigt, daß in der neugeordneten Welt auch für Judenverfolgung, für Judenfeindschaft kein Raum mehr bleiben werde. Abgeschlossen im November 1918. 2