Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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glückliche, schöne, träumerische Kind war verschollen. Dieses eigenartige Geschöpf, Mirele! Fast zwei Jahrzehnte später wurde mir des traurigen Rätsels Lösung zuteil. Eine weit berühmte Tragödin, die von Paris aus ihre künstlerischen Ruhmesfahrten an getreten, kam zum Gastspiel an eines der ersten Berliner Theater: Miranda von Raudenzka! Miranda! Der Name weckte tausend Erinnerungen in mir. An singende Nächte und heimliches Flüstern und Sommernachtsträume. An Haselnußsträucher, an rauschende Bächlein und Schiller'sche Liebeshymnen! Abends im Theater hatte ich mir Gewißheit verschafft. Es war ohne Zweifel Mirele, die dort oben auf den Brettern eine" wundervolle Kunst entfaltete. Diese Kunst, die ihr Weltruhm gebracht. Zu jener vollen Schönheit gereift, in jener fremdartigen Eigenart, die sich damals schon ankündigte, sah ich sie wieder, die uns im Trubel der Wallfahrten entschwunden, ohne daß man je wieder etwas von ihr gehört hatte. Die Pforten, die einst sich hinter ihr geschlossen, öffneten sich wohl damals nicht wieder, und als sie jetzt mit dem süßen Wohllaut ihrer Stimme, mit weichem, hingebendem Ton sprach: „Ein Cherubim, mein hoher Herr, war bei dir Mit Flügeln weiß wie Schnee, auf beiden Schultern— Und Licht, o Herr! das funkelte! das glänzte! Der führt an seiner Hand dich zu mir ein..." und,als sie dann erwachend aufsteht: „Gott, meines Lebens Herr! Was wiederfährt mir!" und mit diesen traumhaft schönen, zweifelnden, und doch in heimlicher Liebesglut leuchtenden Blicken um sich schaute, da trat plötzlich die Erscheinung des jungen Grafen von Randen vor meine Erinnerung. .. ihres Wetter von Strahl, und ich hörte ihn ihr zuflüstern: „Liebe macht den Himmel Himmlischer — die Erde D Zu dem Himmelreich."