Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Zum zweitenmal schreibe ich diese literarische Uebersicht, während ganz Europa von Waffengeklirr widerhallt. Zu diesem Kamps mit den Waffen hat sich auch ein solcher mit der Feder gesellt, der vielleicht noch erbitterter geführt wird, als jener. Ein schwedischer Soziologe, G. F. Steffen, hat auf diese traurige Erscheinung hingewiesen, daß im jetzigen Weltkrieg soviele Gehässigkeiten in Wort und Schrift sich ausgehäuft haben, wie in keinem Kriege zuvor. Soweit es sich nur um Schimpfereien handelt, tut man am besten, sich davon resigniert abzuwenden. Anders ist es aber, wenn von beiden Seiten versucht wird, die eigene Sache als die gerechte hinzustellen und so den Eintritt in den Krieg vor aller Welt zu rechtfertigen. Darin kann man in gewissem Sinne einen Kulturfortschritt sehen — aus frivoler Eroberungssucht führt kein zivilisiertes Volk einen Krieg mehr. Es kommt dabei nicht auf das objektive Recht an, sondern auf das subjektive, auf das Rechtsgefühl. Die Brücke, die von Volk zu Volk führt, ist jetzt abgebrochen; aber sie wird wieder errichtet werden, und es wird doch bald die Zeit kommen, in der alle guten Menschen sich vereinigen werden, den gegenseitigen Haß. niederzuringen. Was das Judentum dabei Mitwirken kann, läßt sich in wenigen Sätzen nicht zum Ausdruck bringen. Aber diese Religion, oder vielmehr diese religiöse Weltanschauung, gipfelt im messianischen Gedanken vom ewigen Weltfrieden. Dieser Aufgabe werden sich "die Bekenner des Judentums, wenn dieses Bekenntnis zur Erkenntnis wird, zu widmen haben.