Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 70)
- Language
- German
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125 — mehr noch dadurch, daß er die Hauptsätze des christlichen Dogmas als ihm unbegreiflich erklärte, und mit der Quadratur des Zirkels sie verglich. Dennoch hat er Christus über Mose gestellt, über Mose und über die Propheten. Das allein genügt schon, wenngleich er immer Reservationen hinzugefügt hat; wenngleich es vielmehr sonnenklar immer sein mußte, daß er Christus immer nur in der Illusion des Pantheismus gedacht hat. Gleichviel, es kommt nicht auf die Modifikation an; nur die Tatsache in aller Stumpfheit und Isoliertheit wird hochgehalten. Die angeborene Religion hat er verworfen, seinen eigenen Stamm hat er verwerflich gemacht: er ist ein Charakter, der von der jüdischen Verstocktheit sich losgerungen, zur Freiheit des Geistes sich erhoben hat. Zu welcher Freiheit? Etwa zu der über die Religion? Das ist nicht die Meinung. Seine Befreiung bezieht sich auf den unerträglichen Monotheismus, durch den das Judentum immerfort von den idealsten Auffassungen, des Christentums sich unterscheiden will, sich unterscheiden zu sollen, als seine geschichtliche Aufgabe nach wie vor auf sich nimmt. So ist es zu verstehen, daß innerhalb der protestantischen Kultur seit Kant, aber sehr gegen dessen philosophische Ansicht, Spinoza zu einem Fahnenträger wurde. Es hat seinen guten Grund, daß Moses Mendelssohn'sich über die Insinuation zu Tode ärgerte, sein Freund L e s s i n g sei Spinozist gewesen, ohne daß er darum gewußt hätte. Es hat noch tieferen und innerlichst schädigenden Grund, daß Friedrich Heinrich Jacobi, der gefährlichste Gegner der Aufklärung und der kritischen Philosophie, Philosophie schlechthin als gleichbedeutend erklärt hat mit Spinozismus. Gegen ihn trat Kant auf, der zwar von Spinoza die gelehrte Ansicht annahm, daß das Judentum nur Staatslehre und daher gar keine Religion sei, in seiner philosophischen Aufrichtigkeit aber, nicht nur in seiner systematischen Ueberlegenheit gegen Spinoza immer Mißbehagen, Verdacht und Unwillen hatte. Nun kämen aber alsbald die Romantiker, für