Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5679
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Kriege in seinem Schoße hegt und das prophetische, kluge Wort des alten Zincgraf neu bestätigt: „Friede macht Reichtum, Reichtum macht Übermut, Übermut bringt Krieg, Krieg bringt Armut, Armut macht Demut, Demut macht wieder Frieden . . und so fort ins Unendliche. Wahrscheinlich hätten sich die Mächte, die jetzt im Siegesrausch wahre Orgien der Feindseligkeiten, des Hasses und der Vernichtungswut feiern, gar nicht so leidenschaftlich in dieRolle der Gewalthaberhineingewühlt, wenn sie während der vier Kriegsjahre öfter, dauernder Gelegenheit gehabt hätten, sich als Sieger zu fühlen. Aber wie noch nie zuvor ein solcher Krieg geführt wurde — ein Krieg, der bei allen Beteiligten zusammen weitüberfünfzig Millionen Soldaten unter Waffen brachte — so ist auch noch niemals ein, solcher „Sieg" zu verzeichnen gewesen. Ein Sieg, bei dem der Geschlagene, der Niedergeworfene, nahezu ganz Belgien, einen großen Teil von Frankreich, fast ganz Rumänien erobert, besetzt hatte, und bei diesem Stande der Dinge plötzlich erklärte, daß er, müde und mürbe und ausgehungert, die Waffen strecke. Wie ein Lotteriegewinn siel der kaum erhoffte Triumph den Feinden in den Schoß — kein Wunder, daß sie sich nun gebärden wie jener Schuhmacher in der Poffe, dem das große Los zufiel; kein Wunder, daß sie sich nun auch in der Rolle der Sieger gründlich austoben wollen, daß sie sich nicht genug tun können in immer neuen Methoden Deutschland zu demütigen, zu knechten, auszupressen. Wer aber ist es, der Deutschland von der Höhe seines Ruhmes, seiner politischen und wirtschaftlichen Bedeutung herabgestürzt, an den Rand des Abgrundes geführt hat? Jsts die Diplomatie, die den Krieg nicht verhindert und die es nicht vermocht hat, innerhalb der vier Kriegsjahre, beim vorteilhaften militärischen Stande der Dinge, einen annehmbaren, unseren Fortbestand sichernden Frieden herbeizusühren? Jsts die oberste Heeresleitung, die nach so viel glorreichen Siegen nicht den Sieg und nach so viel ruhmvoll gewonnenen Schlachten nicht den Krieg zu gewinnen in der Lage war? O, nein!