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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1907-01-01 · 10 (1907) · p. Seite 232

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
10 (1907)
Article
Mischpoche
Date
1907-01-01
Page
Seite 232 (sequence 31)
Language
German
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die Ruhe und Gelassenheit, die seines Wesens oberstes, Gesetz war. Er hatte es gelernt, alle heftigen, leidenschaftlichen Triebe zu zügeln, und die Reife und Ueberlegenheit seines Handelns gab ihm die Machtfülle einer echten Herrennatur. Frau und Kinder wüßten, daß er auch diesem -Ereignis gegenüber das 'Richtige finden würde, und mit einer gewissen Spannung erwarteten sie, seine Ansichten zu vernehmen. Auch Dr. Seligsohn sah mit höchstem Interesse der nächsten. Stunde entgegen. Er wußte, daß die Seelenstimmungen, die sein Freund und Vetter heute Vormittag an seiner Seite durchlebt, nicht ohne Einfluß auf seine Entschließungen bleiben würden. Ein erwartungsvolles Schweigen umfing die kleine Gesellschaft. Niemand hätte gewagt, das erste Wort zu sprechen. Nur Georg, dessen Lebhaftigkeit selbst von der Ehrfurcht vor seinem Vater kaum im Bann zu halten war, füllte in nervöser Hast fein Bowlenglas immer wieder, bis der Kommerzienrat mit jovialem Tone sagte: „Wenn wir nicht bald mit dieser cause celebre im Hause Löwenberg-Bendel-von Wörlitz uns befassen, trinkt Georg uns die ganze Bowle weg ..." Alle lachten, und damit war die schwerlastende Stimmung gebrochen, und man konnte hoffen, daß die Angelegenheit in ruhiger Tonart behandelt werden würde. Frau Sofie atmete auf, ihr war doch, etwas bange gewesen vor diesen Auseinandersetzungen, und ihr Mann, der den Seufzer der Erleichterung mit feinem Ohr und zärtlichem Sinn vernahm, sagte wiederum liebenswürdig: „Sei unbesorgt, Sofie, ich bin fertig mit dieser Sache und werde den Fall Löwenberg-Wörlitz nicht tragisch nehmen, sondern tragikomisch, wie er es verdient. Ich habe heute den ganzen Nachmittag Zeit gefunden, mich mit der Angelegenheit nach allen Richtungen zu beschäftigen, und wenn ich das Herzeleid abrechne, meinen Bruder verloren zu haben, so bleibt wirklich nichts als ein aus Mitleid und Verachtung gemischtes Gefühl für diese lächerliche Geschichte ... Uebrigens, Julius gehörte längst nicht mehr zu den Unsrigen und die Familie, besser die Mischpoche, wird sich zurecht zu finden wissen ohne ihn und

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