Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5666
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Eine solche umfassende Ortsveränderung in so kurzer Zeit hat es seit der Besitznahme Palästinas durch die Israeliten in deren Geschichte nicht gegeben. Aber so herzlich wir auch den Einzug dieser Million und derjenigen, die ihr folgen werden, in das Land der Freiheit begrüßen, ändert es doch an der Lage der Zurückbleibenden nichts. Die natürliche Volksvermehrung läßt, trotz der Emigration, deren Zahl in den russischen Provinzen nicht abnehmen. Die Frage bleibt also in ihrer ganzen beängstigenden Schärfe bestehen. Das zweite, kleinere Paradies der Antisemiten, Rumänien, hat in dein verflossenen Jahre keine besonderen Taten auf dem Kriegsschauplätze gegen die Juden verrichtet. Aber von einer Besserung in deren Lage war nichts zu merken. Die Verhöhnung der Bestimmungen des Berliner Kongresses von 1878 wird munter fortgesetzt. Noch nicht ganz zwei Dutzend Juden sind im Laufe dieses Jahres naturalisiert worden. Bei der Feier des fünftmdzwanzigjährigen Jubiläums der Unabhängigkeit Rumäniens empfing König Karol mehrere jüdische Deputationen, denen gegenüber er sich sehr freundlich und gnädig ausdrückte. Allerdings geschieht die Verfolgung der Juden in Rumänien gegen seinen Wunsch, aber er besitzt die Macht, sie zu verhindern oder auch nur wesentlich zu mildern. Die offizielle Begeisterung, die bei dieser Feier die Juden kundtaten, kommt ihnen kaum von Herzen: der Beweis dafür ist ihre stetig zunehmende Auswanderung aus dem Lande; 4110 sind allein nach den Vereinigten Staaten eingewandert, von den nach Frankreich, England, Palästina flutenden Strömen ganz zu schweigen. Das benachbarte Bulgarien zeigt keinen offizieller Judenhaß, eine Tatsache, an der sich Oberrabbiner Ehrenpreis in Sofia ein wesentliches Verdienst infolge seiner unausgesetzten Bemühungen bei der Regierung zuschreiben kann. Im Volke aber herrscht ein stiller Antisemitismus, der sich in der Schule und der Presse durch gelegentliche Ausbrüche erweist. Im ganzen ist die Lage der dortigen Juden eine erträgliche.