Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Und so gab es denn des öfteren peinliche Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ehegatten, die sich gar oft zu bitteren Borwürfen steigerten. Es war wieder einmal Sonntag ins Land gekommen, jener bedeutungsvolle Tag, den die Staatsrätin Dorja Wassiljewna für ihren Empfang auserkoren hatte. Die Räume der staatsrätlichen Wohnung prangten im festlichen Glanze, vergoldete Kronleuchter, in denen mit blendender Weiße das elektrische Licht glänzte, erhellten die Salons und ließen die farbenglühenden Bilder in den kostbaren Rahmen, das reiche funkelnde Silbergeschirr auf den appetitlich hergerichteten Büffets hell erglänzen. Noch einmal durchschritt die Dame des Hauses in einer blendenden Toilette die Räume, um mit prüfendem Blicke die Anordnung des Ganzen zu übersehen, und sie war zufrieden, die Dienerschaft war ihren Anordnungen aufs peinlichste nachgekommen, alles war aufs schönste zum Empfange der Gäste bereit. Sie konnte zufrieden sein, und dennoch wollte der Schatten des Verdrusses von ihren Zügen nicht weichen und sie fand kein Lächeln. Lässig ließ sie sich nieder und blickte gedankenvoll vor sich hin. Ihre Gedanken eilten jedoch nicht den Gasten entgegen, die ihr der Abend bringen würde — sie weilten bei ihrem Gatten! Weshalb diese Weigerung, bei der Gesellschaft zu erscheinen? Warum erfüllte er ihr diesen bescheidenen Wunsch nicht, er, der ja sonst nie ihre Wünsche verweigerte? Was mochte es sein, das ihn gerade davon abhielt, was ihr zu größtem Stolze gereichen, ihm aber gar keine Opfer kosten würde? . . Sinnend stützte sie den Kopf in die Hände, und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Plötzlich richtete sie sich auf. Sie vernahm Schritte, die ihr nahten, und einen Blick nach dem gegenüberliegenden Spiegel werfend, erblickte sie im Rahmen der Türe einen Herrn im tadellosesten Gesellschaftsanzug. Sie hatte sich rasch aufgerichtet, um den Gast zu