Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Immanuel Kant in seinen Beziehungen zum Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 22)
- Language
- German
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145 philosophisch-ästhetischen Anschauungen war Mendelssohns, im Jahre 1761 erschienene „Rhapsodie der Empfindungen", worin er eine ganz neue Theorie der gemischten Empfindungen gibt. Hätte er dieselbe mit Konsequenz verfolgt, so wäre es chm, wie Kayserling mit Recht bemerkt, ein leichtes gewesen, zu der Lehre vom Schönen zu gelangen, welche Kant in der „Kritik der Urteilskraft" etwa 30 Jahre später aufstellte. Arbeitete er doch dem Königsberger Alten wie' in manchem anderen auch darin vor, daß er die Aesthetik zur Empfindungslehre erhob, ein Verdienst, das ihm der Aesthetiker Bischer*) sehr hoch anrechnet. Er konnte aber der allgemeinen Strömung der' Zeit nicht völlig Widerstand leisten und machte das Aesthetische der Beförderung der Moralität dienstbar. Aus seiner Abhandlung „Ueber das Erhabene" schöpften Philosophen wie Kritiker bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Anregung und Belehrung und noch Friedrich Schiller, obgleich er sich zu den Grundsätzen Kants bekannte, benutzte Mendelssohns Darlegungen. Ebenso zog aus seiner Theorie über die Empfindungen, wie er sie nämlich in der „Rhapsodie" ausstellte, erst Kant die letzten entscheidenden Konsequenzen. Dieerste Begegnung zwischen Mendelssohn und Kant erfolgte auf dem Wege der Konkurrenz. Die Königliche Akademie der Wissenschaften zu Berlin hatte für das Jahr 1763 als Preisaufgabe gestellt: „Ob die metaphysischen Wissenschaften einer solchen Evidenz fähig sind wie die mathematischen" und an der Lösung derselben beteiligten sich die beiden Philosophen, der eklektische Mendelssohn wie der kritische Kant. Die in deutscher Sprache eingereichte Abhandlung des ersteren: „Ueber die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften" wurde von der Akademie in ihrer öffentlichen Sitzung mit dem Preise, bestehend in 50 Dukaten, gekrönt, während Kant, dessen Abhandlung an Schärfe der Beweisführung diejenige Mendelssohn weit übertraf, nur das Accessit zuerkannt wurde. Diesen Sieg des Berliner Denkers über seinen Kollegen in Königsberg machte ihn keineswegs übermütig und in seinem bescheidenen, ja demütigen Sinn schrieb er hierüber, am 20. November 1763, an seinen Freund *) Aosthetik oder Wissenschaft des Schönen. Reutlingen 1856. 10