Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5661
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113299--1210-3113335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15 wärtigen Behörden gewährten sogenannten Halbpässe zu gestatten. Damit wäre den jüdischen Kaufleuten und Händlern in den Grenzdistrikten die Möglichkeit des Handels genommen worden. Es ist glücklicherweise den Bemühungen der deutschen Reichsregierung gelungen, dieses den geltenden Verträgen geradewegs zuwiderlaufende Verbot rückgängig zu machen. Aber man sieht doch die Liebe! Die einzige Zuflucht für die russischen Juden ist noch der Senat — der Staatsrath und höchste Staatsgerichtshof — in dem die humanen Anschauungen überwiegen. Er hat die Versuche, die Ansiedelungsfahigkeit der „Hebräer" noch mehr einzuengen, durch liberale Auslegung der betreffenden Gesetze vereitelt. Er hat den Kindern jüdischer Soldaten die Niederlassung in ganz Rußland zugestanden. Er hat Sibirien den jüdischen Großkaufleuten, Angestellten und Handwerkern geöffnet. Aber er ist gegen den Einfluß eines Pobedenoszew und Wannowski ohnmächtig. Vergessen wir doch nicht, daß diese Judenfeinde das gesammte Beamtenthum hinter sich haben, das, von den Generalgouverneuren bis hinab zu den Polizeidienern, bei seiner überaus geringfügigen Besoldung, buchstäblich zumeist von den Bestechungen lebt, die ihm die Juden zur Umgehung der unerträglichen Ausschließungsgesetze zukommen lassen müssen. Das ganze Beamtenthum Rußlands hat also ein dringendes Interesse daran, daß diese Ausschließungsgesetze bestehen bleiben und womöglich noch weiter verstärkt werden. Desto mehr müssen ihm die Juden bezahlen. Von Rußland zu Rumänien ist, wie geographisch so sachlich, der Uebergang leicht. Das Schicksal der dortigen Israeliten hat sich während des Berichrjahres nur insofern verbessert, als die Anzahl der unglücklichen Opfer des rumänischen Geschäftsantisemitismus durch den unaufhörlichen Strom der Auswanderung immer mehr abnimmt. Der Ministerpräsident Carp hegte die wohlwollende Absicht, die Juden zwar nicht zu emanzipiren — dazu fehlte diesem wackeren Staatsmann die Macht — aber doch administrativ und finanziell besser zu stellen, indem er ihnen ein geordnetes Gemeindeleben schaffe. Allein schon im März 1901 fiel das Ministerium Carp, um so genannten „Liberalen", die in