Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5661
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 und deshalb trat sie mit voller Kraft für die Juden ein. Der Ministerpräsident selber durste, in einer Rede in Toulouse, mit berechtigtem Stolze aussprechen: „Die Regierung hat bewiesen, daß sie es versteht, jeden Unterschied nach Abstammung, 'Religion, Rasse völlig zurückzuweisen. Vom ersten Tage an hat sie dergleichen abgelehnt, weil sie es als einen thatsächlichen Rest von Barbarei betrachtet." Er hat damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Nur Halb- oder Ganzbarbaren beurcheilen noch ihre Mitmenschen je nach Abstammung oder Glaubensbekenntniß! Und dieThaten entsprechen diesen herrlichen Worten. Der Kriegsminister Andre hat alle Versuche, die jüdischen Offiziere durch gesellschaftliche Kränkungen aus dem Heer zu treiben — wie in dem Falle des Hauptmanns Coblentz — mit eiserner Thatkraft bestraft und unterdrückt. Im Gegentheil, er beförderte eine große Anzahl jüdischer Offiziere, und einer von ihnen, der Artillerie- Oberst Laroque, wurde sogar zum Brigade-General (Generalmajor) ernannt. Von der Vertheidigung ist die Regierung zum Angriffe übergegangen. Der Schlag, den sie durch das nunmehr ausgeführte Gesetz gegen die unerlaubten geistlichen Verbindungen, die Mittelpunkte der reaktionär-antisemitischen Partei, dieser letztern zugefügt hat, wird von deren Anhängern tief empfunden. Um das Verdienst des unerschrockenen und erfolgreichen Vorgehens der französischen Regierung in seiner ganzen Größe zu würdigen, muß man beachten, wie schwer der Kampf war und noch ist. Sie hat es mit dem seit zwei Jahrzehnten systematisch klerikalisirten Offizierkorps, mit der sozial überaus einflußreichen adligen und bürgerlichen Aristokratie, mit den von den Priestern fanatisirten Massen, mit den durch ihre patriotischen Schlagworte mächtigen Nationalisten, mit einem Theile der Radikalen und Sozialisten, die in den Juden das Kapital zu bekämpfen wähnen, sowie mit einer Anzahl der von der heutigen Modekrankheit des Mystizismus behafteten Schriftsteller und Dichter zu thun. Man sieht, sie ringt mit einer furchtbaren Koalition, einem Bunde, der mit der äußersten Leidenschaftlichkeit zu Felde zieht, und dem dabei alle Mittel der List, der Lüge und der Gewaltthat gerecht sind. Hoffen wir, daß die Regierung die äußere Macht und innere Kraft behält, um jene blutige Hydra