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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 275

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Die Toten
Date
1900-01-01
Page
Seite 275 (sequence 43)
Language
German
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275 Dann traten sie an den Tisch. Neben verschiedenen, in dieser Zeit erschienenen Schriften Nietzsches, lagen Schopenhauers Parerga. Das Buch war aufgeschlagen. Hell fiel das Licht auf die Stelle: „Soll hingegen ein Wesen moralisch frei fein, so darf es nicht geschaffen fein, sondern muß Aseität haben, d. h. ein ursprüngliches, aus eigner Urkraft und Machtvollkommenheit existirendes sein und nicht auf andere zurückweisen" . . . Das Wort „andere" war zweimal unterstrichen und als Randbemerkung hatte er hinzugefügt: „ich aber lebe im Banne der „Andern" im Reiche der Ahnen ... ich lebe . . . darum lebe ich nicht. Um zurechnungsfähig zu sein, muß man frei sein . . . und ich ... ich ... ich will ftei sein ... ich bin ftei . . . jetzt . . ." hier hatte seine Hand offenbar gezittert. Auf einem Blatt Papier, das daneben lag aber stand in klarer Schrift: „Das ist der Meister! Wir aber bauen immer, im Leben und im Sterben. Meine Dissertation ist beendet, sie soll den Titel haben: „Wenn die Toten leben, müssen die Lebenden sterben" . . . Ich will moralisch frei sein . . . ich darf nicht geschaffen sein und auf andere zurückweisen. Wir aber bauen im Leben und Sterben. Die Dome der Menschheit!" Dr. Feilchenberg theilte seinen Schwiegereltern möglichst schonend mit, daß Benjamin von einem „Herzschlag" plötzlich hinweggerafft worden sei. Frau Rebekka stand neben ihrem alten Manne. Sie stieß einen lauten Jammerschrei aus. Er aber sprach mit erhobener Stimme: „Der Herr hat ihn gegeben, der Herr hat ihn genommen, der Name des Herrn sei gelobt." Ihre bebenden Lippen sprachen die hebräischen Worte des Segensspruches nach und wie der Widerschein der niedergehenden Sonne trat verklärend das alte, ftomme Lächeln in ihr Antlitz. „Der Name des Herrn fei gelobt." 13*

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